Welche Zukunft?

In den Theatern beginnt die neue Spielzeit. Das Deutsche Theater (DT) hat der dies- und nächstjährigen das Motto Welche Zukunft gegeben. Der Intendant, Ulrich Khuon, begründet den fragenden und somit fragmentarischen Titel, der doch ohne Fragezeichen auskommt: „Das Motto Welche Zukunft haben wir im Kontext der beiden vorhergehenden Spielzeiten gewählt, es ist eine Art Dreischritt. Der leere Himmel war ein Fragen nach den Horizonten, auch nach Sinn-Horizonten, die möglicherweise verloren gegangen sind. Keine Angst vor niemand war dann ein zweiter Schritt, mit dem wir auch sagten: keine Angst vor der Leere, keine Angst vor der Orientierungslosigkeit. Und Welche Zukunft ist jetzt ein weiterer, ein dritter Schritt: Was heißt das nun für die Zukunft? Wie könnte die aussehen?“
Am Abend des 10. September, möglicherweise einer der letzten Abende, die ein Fast-Sommergefühl aufkommen ließen, trafen sich im Theater Menschen, die einander nicht kannten und sich doch auf das Experiment einlassen wollten, an einem großen Tisch mit lauter Unbekannten über die Zukunft zu reden. Ausgangspunkt des Experiments waren die bei S. Fischer erschienenen 95 Anschläge Thesen für die Zukunft, ein Buch, für das 95 Künstler*innen, Denker*innen, Politiker*innen, Fragenden kurze Texte geschrieben hatten, die je ein Anschlag auf unsere Trägheit, liebgewordenen Urteile und Vorurteile, Verzweiflung oder Resignation, Lustlosigkeit oder Wut sind, an denen entlang sich weiterdenken oder neu denken oder aufbegehren lässt.

Einige ausgewählte Texte aus diesem Buch gaben die Matrix für die an vier großen Tischen stattfindenden Gespräche. An einem dieser Tische saß Carola Bluhm, eingeladen vom Theater, gebeten, mit anderen ins Offene zu denken und zu reden. Vorlage für die Debatte war ein Text der Buchautorin und Filmemacherin Andrea Stoll, der den Titel trug, Wir brauchen Kinder, die die Welt auf den Kopf stellen können.

Behutsam moderiert wurde diese Tafel einander nicht Kennender, aber doch aufeinander Neugieriger von Klaus Caesar, der in der Dramaturgie des Theaters arbeitet und der Schauspielerin Kathleen Morgeneyer. Zu Beginn der Veranstaltung hatten Ulrich Khuon und die Autorin und Philosophin Thea Dorn geredet. Der eine darüber, wie die Idee für diesen Abend im Ensemble entstanden und immer größer geworden ist, die andere davon, dass es in der gegenwärtigen politischen Debatte so viele Leerstellen gibt, Themen, die uns so unmittelbar betreffen und unsere Zukunft so maßgeblich beeinflussen werden – wie die Gentechnik und die Digitalisierung unser aller Leben. Und dieser Sprachlosigkeit eine andere Form des Redens entgegenzusetzen – dieser Versuch lag in dem Abend. In Zukunft reden. Man muss es immer wieder probieren.

Es war ein spannender Versuch. Carola Bluhm hat über die Mühen der Politik gesprochen, vor allem aber darüber, dass nur solch offene Diskussions- und Denkräume und das hoffentlich daraus mögliche Handeln, die Dinge verändern und manchmal auch ins Lot bringen können.

Hinter Welche Zukunft stand am Ende immer noch ein großes Fragezeichen. Wie sollte es auch anders sein.
kg