Weder billig noch umsonst

Noch vor der Jahreswende war es von der Rot-Rot-Grünen Koalition im Senat entschieden. Schülerinnentickets und Schüleressen sollen in Berlin ab 2019 kostenlos sein. Das ist gut. Wenn auch noch nicht die schönste aller Lösungen. Warum sollte das Recht auf ein kostenloses Mittagessen schon nach der Hälfte der Schulzeit enden – in der 6. Klasse? Und auch für Kitas konnte noch keine einfache Lösung gefunden werden.

Wir können unseren Kindern sicher keine Hoffnung machen, ihren ersten Job im Leben mit viel weniger als 12 Jahren Anstrengungen in Schule und Ausbildungen zu organisieren. Von einem weiterführenden Studium, weiteren Qualifizierungen – also weiteren Jahren in Ausbildungen ganz abgesehen.

Natürlich ist ein kostenloses Schulessen nicht umsonst. Es ist noch nicht einmal kostenlos. Es gemeinschaftlich finanzieren zu wollen ist eine Haltung, die so neu nicht ist. Der chancengleiche Zugang zu kostenloser Bildung ist eine wesentliche Errungenschaft gelebter, erlebbarer – also konkreter Demokratie. Sie folgt der einfachen Einsicht, dass Kinder kein Einkommen haben, um sich Bildung zu kaufen. Unsere Kinder suchen sich weder ihre Eltern aus, noch haben sie das Einkommen ihrer Eltern verdient.

Erwachsene diskutieren, gestalten und bestimmen noch allzu oft, als sei es ihr angestammtes Recht und selbstverständlich allein ihre Entscheidung, wem sie Rechte einräumen. Dabei ist die Sache eigentlich schon längst entschieden. Bildung und Chancengleichheit ist ein Recht unserer Kinder in einer Gesellschaft, die von ihnen ihre Zukunft einfordert. Es ist erst in zweiter Linie ein Recht der Eltern. Es ist das Recht auf eine Gleichheit und Unbeschwertheit, wo Unterschiede destruktiv sind. Es ist das Recht der Kinder, nicht in die Schlachten ihrer Eltern gezerrt zu werden. Wer aus einem Umfeld heraus wächst, in dem es nicht üblich ist, Ingenieurin zu sein, hat vielleicht ähnliche Mühe, wie der Sprössling liquider Eltern. Die eine fehlt uns bei den Fachkräften, vom anderen wünschten wir uns ein Bewusstsein, dass seine Ausbildung zum Beispiel zum Arzt mit roundabout dreißigtausend Euro jährlich aus der Gemeinschaftskasse finanziert werden muss. Allein dafür, dass es diesen einen dafür ausgestatteten Studienplatz gibt.

Selbstverständlich sind mit einem scheinbaren Geschenk in Wahrheit wie immer Erwartungen verbunden. Schließlich wünschen wir einem jungen Menschen die schönste Karriere als Ärztin oder Arzt. Brauchen aber auch etwas zurück. Zum Beispiel eine Praxis auf dem platten Land. Je offener wir über Erwartungen sprechen, desto freundlicher und weniger rigide können die Regeln ausfallen.

Ob Schülerinnenticket, Schüleressen, Schulmaterial, Finanzierung des Klassenausflugs, oder die Regelungen des Bundesausbildungsförderungsgesetzes: Hartnäckig wird von Erwachsenen aus ihrer Perspektive verhandelt. Subjekt ist nicht das Kind, sind nicht die Jugendlichen, nicht die Heranwachsenden. Es sprechen die Eltern über ihr Einkommen. Wer es ihnen in welcher Höhe überweist. Am Ende sind es also Gespräche über Status. Es gilt als selbstverständlich, die Kinder in diesen Bezügen zu verhaften.

Steuergerechtigkeit sollte nicht auf dem Rücken unserer Kinder hergestellt werden. Wer mehr Einkommen hat, zahlt höhere Steuern. Ob das gerecht geregelt ist, kann und sollte außerhalb unserer Schulen verhandelt werden. Von denen, die es entscheiden können. Weil sie die Erwachsenen sind. Neben fachberuflicher Qualifikation sollte eines unserer Bildungsziele sein, junge Menschen vorzubereiten, sie fit dafür zu machen, diese immer wiederkehrende Frage entscheiden zu müssen, wenn sie Erwachsene sind. Schließlich wird nie aufhören, was wir zu besprechen haben, seit es Menschen gibt: Wie verteilen wir, was es gibt oder geben sollte? Und ist es richtig, dass manche viel mehr haben, einfach weil das in der eigenen Familiendynastie immer schon so war? Was unterscheidet die Prinzessin, den Prinzen vom Kind gut verdienender Eltern? Die Einen gehen selbstverständlich davon aus einmal eine Krone zu erben, die Anderen erleben und begreifen das Einkommen ihrer Eltern als selbstverständliche Voraussetzung.

Sicher ist das kostenlose Schüleressen nicht so einfach zu realisieren wie es klingt. Gibt es vor Ort die Räumlichkeiten, das Personal, was darf es kosten…?

Vielleicht wäre es ein richtiges Ziel, zumindest einen großen Teil der konkreten Umsetzung in die Hände der Schülerinnen und Schüler in ihren Schulen zu geben. Schließlich kann bei der Planung, Organisation und der Umsetzung vieles gelernt werden und in Eigenverantwortung geschehen, was als Bildungsziel wünschenswert ist. Rechnen und Budget. Qualität, Herkunft und Preis von Lebensmitteln. Abstimmung der Speisepläne, bis hin zu Betrieb einer Küche und einer Mensa. Die meisten Eltern wissen sehr gut, wie hilfreich es sein kann, haben Kinder untereinander ohne Erwachsene zu klären, wer mit spülen dran ist. Oder dass täglich Spagetti mit Tomatensoße keine gute Idee ist. Wäre es nicht auch schön, es gäbe die Möglichkeit, Mitschülerinnen und-schülern einmal zu zeigen, was in der eigenen Familie, oder im anderen Kulturkreis als normales Mittagessen gilt? In einer arabischen, asiatischen, afrikanischen Woche – und verbunden mit der Erkenntnis, dass die europäische Woche für die Tischnachbarin aus Spanien etwas anderes bedeutet, als für den Mitschüler aus Finnland oder Deutschland?

Man ahnt, es wird heißen: zu teuer, zu kompliziert. Aber Wert, Profit, Gewinn ist (nicht nur) in der Bildungspolitik keine Größe, die bloß in der Spalte einer Exceltabelle gut auszusehen hat.

Rico Prauss   Wahlkreismitarbeiter