Unterwegs im Wahlkreis

Parlamentarische Sommerpause ist ein etwas missverständlicher Begriff. Natürlich auch die Zeit, in der Abgeordnete Urlaub machen können, mehr aber handelt es sich um Wochen, in denen sie mehr als sonst im Wahlkreis unterwegs sind – jenseits der dicht getakteten Parlamentswochen.
Im ZENTRUM ÜBERLEBEN finden Überlebende von Gewalt und Flucht sowie Menschen mit unterschiedlichen Migrationserfahrungen medizinische, psychotherapeutische, sozialarbeiterische und Integrative Unterstützung. Neben der Rehabilitation und Integration tragen die wissenschaftliche Begleitung und Dokumentation zum allgemeinen Erkenntnisgewinn im Bereich Trauma und Therapie sowie zur Entwicklung wissenschaftlicher Standards bei“, heißt es auf der Webseite einer Einrichtung, die dem einstigen Zentrum für Folteropfer e.V. (gegründet 1992) gehört, aus dem eine Institution geworden ist, in der Menschen zum zweiten Mal gerettet werden. Das erste Mal haben sie sich selbst gerettet, indem sie sich auf eine lange Flucht vor Krieg, Folter, Gewalt begeben haben.
„Neben der Rehabilitation von traumatisierten Geflüchteten steht auch die Integration und berufliche Qualifizierung bis hin zur gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit unterschiedlichen Flucht- und Migrationserfahrungen im Mittelpunkt unserer Arbeit.“ Eine solche Arbeit braucht Unterstützung – finanziell, politisch, ideell. Inzwischen gehört zu dem Haus, das sich in der Turmstraße 2 in Berlin-Moabit befindet, eine Schule, in der Menschen mit Migrationshintergrund (ein Begriff, der die traumatisierende Erfahrung einer langen Flucht nur unzureichend beschreibt) es schaffen können, sich durch Sprach- und Ausbildung eine berufliche Zukunft aufzubauen. Vier Klassen je 25 Schüler*innen gibt es inzwischen, viele von ihnen lernen Kranken- oder Sozialpflege – Fähigkeiten, die hierzulande dringend gebraucht werden. Sie können einen Mittleren Schulabschluss machen und eine weiterführende Ausbildung. Mancher oder manchem gelingt es, später zu studieren.
Carola Bluhm begleitet und unterstützt die Arbeit des Zentrums seit langem, man kennt sich, vertraut sich und ein Gespräch, wie das am 12. Juli kann sozusagen auf einer verlässlichen Beziehung aufbauen, in der nicht mehr alles von Beginn an erzählt und erklärt werden muss.
Die Geschäftsführerin, Dr. Mercedes Hillen, die Klinische Sozialarbeiterin, Andrea Ahrndt, die Psychologische Psychotherapeutin, Gisela Scheef-Maier, können also ohne große Vorreden zu den aktuellen Aufgaben und Problemen kommen. Eine große Frage, die der weiteren finanziellen Ausstattung, ist durch Vergabe von Mitteln aus der Lottostiftung erst einmal vom Tisch.
Carola Bluhm sagt, ein Zentrum, wie dieses, sei in einer Stadt wie Berlin unverzichtbar. Menschen, die durch ihre Fluchterfahrung schwer traumatisiert sind, brauchen achtsame und umfassende professionelle Hilfe, um ins Leben zurückzukehren, Fuß zu fassen, ein neues Leben beginnen zu können. Sie seien im umfassenden Sinne schutzbedürftig und es sei die Aufgabe der Politik, dafür die Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Verknüpfung von psychologischer- und Sozialhilfe in Kombination mit einem Bildungsangebot ist deshalb in ihren Augen notwendig und brauche auch auf lange Sicht Verstetigung.
Das Gespräch war lang und gut. Es ging um konkrete fachliche Fragen, wie es auch in Zukunft der in der Charité angesiedelten Clearingstelle bedürfe, um die vielen Anfragen, die im Zentrum auflaufen, bewerten und die richtigen Entscheidungen treffen zu können, wer am dringlichsten welche Hilfe benötigt, oder ob diese Vorarbeit in die Regelversorgung der Krankenkassen überführt werden könne. Nein beschieden die vier Frauen am Tisch, es sei eine gute, gewachsene Struktur und ein Fehler, die Institution der Clearingstelle abzuschaffen.
Viele Geflüchtete, erzählt die Sozialarbeiterin Andrea Ahrndt, beispielsweise aus Syrien, seien nach ihrer unmittelbaren Ankunft erst einmal gewillt, im Hier und Jetzt zu leben und gleich zu beginnen, sich eine Zukunft auszubauen. Aber manche von ihnen merkten dann nach zwei oder drei Jahren, dass sie die Erlebnisse in ihrem Heimatland und während der Flucht nicht losließen. Dass sie doch über die Bewältigung des Alltags hinaus Hilfe benötigen, um zu verarbeiten und zu gesunden. Auch für diese Menschen sei das Zentrum ein Anlaufpunkt und ein Ort der Hilfe.
Die Zahl der Anfragen sei auch im Jahr 2017 gestiegen, Flucht, Vertreibung, Folter, Verlust nahestehender Menschen ließen sich nicht verdrängen, müssten bearbeitet und verarbeitet werden.
Carola Bluhm versprach, auch künftig ansprechbar zu sein, wenn es um die Klärung neuer Fragen, die Lösung von Problemen geht. Den Strauß Sonnenblumen, den sie am Ende des Besuches bekam, trug sie dann noch einen halben Tag durch Stadt, bei ihren weiteren Besuchen. Und da es an diesem Tag endlich in Berlin regnete, hielten die Blumen auch durch.

Auf den ersten Blick mögen die Probleme, mit denen sich die engagierten Ehrenamtlichen des Zille-Museums im Berliner Nikolai-Viertel, herumschlagen müssen, vergleichsweise klein erscheinen. Aber das ist die falsche Herangehensweise. Carola Bluhm war gebeten worden, sich anzuhören, wie das Museum, das sich von Eintrittsgeldern und Spenden nährt und dank der Wohnungsbaugesellschaft Mitte in schönen Räumen zu einer bezahlbaren Miete untergekommen ist, in den kommenden Jahren seine Existenz sichern will und welche Probleme ihnen Sorgen bereiten.
Heinrich Zille, der Mann, der gesagt hat, mit einer Wohnung könne man einen Menschen erschlagen, wie mit einer Axt, der Mann des alten Berlins (Zille lebte von 1858 bis 1929), der so berühmt ist, wie kaum ein anderer, der sich in die Herzen der Menschen gemalt, gezeichnet, fotografiert, geschrieben hat, ist für Berliner*innen und Besucher*innen auch heute eine lehrreiche Attraktion. Im Museum leben die düsteren Seiten des alten Berlins auf, sieht man Armut, Hinterhöfe, soziales Elend, aber auch den Stolz und den Witz einer Klasse, die sich nicht unterkriegen ließ. Die sogenannten kleinen Leute, die Überlebenskünstler, Obdachlosen, Prostituierten, Kleinkriminellen, Gelegenheitsarbeiter, Mütter und Arbeiterinnen, Kinder der Armut waren sein Milljöh und er verewigte diese Menschen bar jeder Romantik, aber messerscharf beobachtet und immer zugewandt und mitfühlend. Ein Berlin ohne Zille-Museum sollte nicht sein. Findet Carola Bluhm auch – egal, ob die Besucher*innenzahlen schwanken.
Die Ausstellung gab genügend Anlass, mit Karin Heckendorf (Vorstand Heinrich Zille-Freundeskreis e.V.), die sich gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen und wenigen Mini-Beschäftigen um den Betrieb des Museums kümmert, über die Stadt, wie sie war und ist zu reden. Zille und die Wohnungsfrage – die heute ganz anders diskutiert und dekliniert wird, aber es gibt sie eben noch immer oder wieder -, Zille und der gelenkte Blick auf jene, die am Rande einer Gesellschaft leben, Zille und die Liebe zu einer Stadt, die es ihren Menschen nie leicht gemacht, aber ein großes Herz hat. Es sei wirklich lohnenswert, befand Carola Bluhm, sich die Ausstellung anzuschauen, sozusagen ein Blick mittenrein ins Herz.
In die Vergangenheit, zu der man allerdings nur dann weiterhin Zugang haben wird, wenn die Zukunft gesichert ist. Ob und wie sich das ermöglichen lässt, um nicht auf Dauer ausschließlich auf die wenig vorausschaubaren Einnahmen über Spenden und Eintrittsgelder angewiesen zu sein, darüber wurde geredet. Die Betreiber*innen und Förder*innen des Museums haben Ideen und Pläne. In den schönen Räumen ließen sich Veranstaltungen organisieren – mehr als bisher möglich. Man könnte über Stadt und Wohnen und lebenswertes Umfeld diskutieren, über Sonderausstellungen nachdenken und das Museum noch mehr zu einem Ort des Bewahrens und Nach-vorn-Denkens werden lassen.
Dafür werden Ideen und Konzepte vorgelegt und dann wird darüber zu reden sein.

 

Der nächste Besuch an diesem Tag galt der Israelitischen Synagogen-Gemeinde Kahal Adass Jisroel zu Berlin, beheimatet in der Brunnenstraße.

„Die Gründung der Israelitischen Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) zu Berlin im Juni 1869 war die jüdische Antwort auf den im 19. Jahrhundert herrschenden Druck zu gesellschaftlicher und weltanschaulicher Assimilation. Doch nicht emanzipationsfeindliche Abkapselung war das Ziel der jungen Gemeinde, sondern die Vereinigung von gesetzestreuem Leben mit der Offenheit für Kultur, Bildung und Kunst der Umwelt – Emanzipation und aktive Teilnahme an der Gesellschaft sollten unter Wahrung der jüdischen Tradition verwirklicht werden“, heißt es auf der Webseite der Gemeinde.

Und es schallt lautes Leben im recht kleinen Hof des Gebäudekomplexes, der zugleich den Spielplatz für den von der Gemeinde betriebenen Kindergarten beherbergt. Trotz regnerischen Wetters. Bei einem Rundgang durch das Gemeindehaus (ohne Führung würde man sich in dem etwas verwinkelten Gebäude wahrscheinlich verlaufen) wird auch schnell klar, dass es Bedarf gibt, auszubauen, zu erneuern, zu erweitern. Und das wird demnächst auch geschehen. Dafür werden Mittel aus der Lottostiftung bereitgestellt, was die Gemeindemitglieder sehr freut.

Am Tag des Besuchs fand die Urteilsverkündung im NSU-Prozess statt. Die aktuellen politischen Ereignisse, die Anstrengungen, gegen jede Form des Antisemitismus vorzugehen, prägten das Gespräch der Abgeordneten mit den Vertreter*innen von Kahal Adass Jisroel. Nur ein paar Wochen zuvor hatte im Abgeordnetenhaus eine Diskussion zum Thema stattgefunden, bei der die Abgeordnete der Linksfraktion, Anne Helm, sagte: „Antisemitismus findet leider schon sehr lange einen gefährlichen Platz in unserer Gesellschaft. Laut einer Studie der Uni Leipzig sind 11 Prozent der deutschen Bevölkerung der Meinung, Juden hätten einen zu großen Einfluss.

In den letzten Jahren mussten wir aber den Eindruck gewinnen, dass der Antisemitismus brutaler geworden ist und viel offener zutage tritt. Er bricht sich in sozialen Netzwerken Bahn oder in körperlichen Angriffen. Was wir vielleicht für einen gesellschaftlichen Konsens gehalten haben, wird aufgekündigt, wenn Antisemitismus wieder sagbar gemacht wird, durch das Gerede von einem Schuldkult oder einem Schlussstrich unter die Schoah, aber auch dann, wenn beispielsweise zwei Rapper mit antisemitischem Geraune und der Verhöhnung der Opfer des Vernichtungslagers Auschwitz zu den kommerziell erfolgreichsten in ihrem Fach avancieren. Und auch der Bericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus von Berlin aus dem letzten Jahr belegt eine Zunahme dieser Übergriffe. Darunter: Im März wird eine israelische Touristin in Mitte mit den Worten „Weil du Jüdin bist, bringen wir dich um“ bedroht. Kurz vor dem Jahrestag der Novemberpogrome werden in Britz in einer einzigen Nacht Dutzende Stolpersteine aus dem Pflaster gerissen. Die Amadeo-Antonio-Stiftung berichtet aus ihrem Alltag in der Jugendarbeit gegen Antisemitismus, in einem Neuköllner Jugendklub sagt ein 15-jähriger Jugendlicher: Hitler ist mein Vorbild, weil er viele Juden vernichtet hat. Um die brauchen wir uns jetzt nicht mehr zu kümmern. In Marzahn diskutieren Jugendliche, die Flüchtlingswelle sei von Juden gesteuert, um Deutsche zu vernichten.“
Über all das wird an diesem Tag gesprochen. Carola Bluhm: „Wir können und wollen uns nicht damit zufriedengeben, dass im Jahr 2018 Häuser, die jüdisches Leben beherbergen, noch immer bewacht werden müssen.“ Es wird noch ein weiter Weg sein, bis dies nicht mehr notwendig ist. Was niemanden davon abhalten darf, ihn zu gehen.