Sommer in der Stadt

Die Sommerpausen und Ferien neigen sich dem Ende zu. Gefühlt viel zu früh hat in Berlin die Schule wieder angefangen. Und es wird darüber diskutiert, ob in den kommenden Jahren ausreichend Schulplätze für die Neustarter*innen da sein werden. Je nach Berechnungsmethode oder Vertrauen in das forcierte Schulbauprogramm ja oder nein oder vielleicht. Viele Medien haben sich darauf geeinigt, dass bis 2021 rund 26.000 Schulplätze fehlen sollen, die ARD geht von 25.000 fehlenden Plätzen aus, und an guten Ratschlägen mangelt es nicht. Die WELT schlägt größere Klassen vor. Das tun andere auch, wieder andere finden, dass es ein Fortschritt ist, wenn nicht so viele Kinder in einem Klassenraum sitzen. Das kann man wohl sagen. Nach einer Lösung klingen größere Klassen nicht, denn zusätzlich gibt es ja auch noch eine notwendige Aufholjagd, was die Personalausstattung der Schulen anbelangt. Wie immer gilt: Probleme können gelöst, Wunder aber nicht vollbracht werden. Was nicht immer ein Trost ist.

Dieser Sommer war nicht so heiß, wie befürchtet. Bisher. Zum Glück geht es mit Fridays for future trotzdem weiter, denn nur Dummköpfe ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass es so schlimm nicht werden wird mit dem Klimawandel. Die Berliner*innen scheinen für solches Denken nicht allzu anfällig zu sein. Das beweisen die teilweise erbitterten, immer aber mühevollen Auseinandersetzungen über das Grün in der Stadt. Bauen und Grün vertragen sich – so wie Bauen gemeinhin geplant wird und in einer Metropole, der es an nichts so sehr mangelt, wie an erschwinglichem Baugrund – nicht sonderlich gut. Meist muss, wenn gebaut wird, Grün weichen. Inzwischen hat sich auch herumgesprochen, dass Nachpflanzungen zwar eine gute Sache sind, so ein Bäumchen aber schon ein paar Jahre braucht, bis es uns wirklich in der CO2-Bilanz von Nutzen ist. Eine hundertjährige Buche muss halt erst einmal einhundert Jahre werden.

Im Stadtquartier KMA II sind diese Auseinandersetzungen in vollem Gange. Überhaupt zeigen sich hier die Widersprüchlichkeit und die manchmal nicht auflösbaren Interessensgegensätze an vielem und manchmal geradezu nach Lehrbuch. Die WBM baut nahe des Bezirksamtes ein schönes Haus für ein schönes Projekt. Und da, wo gebaut wird, stehen zwei wunderbare alte Buchen. Zu spät, jetzt noch mal zu überlegen, ob es nicht besser gewesen wäre, das Bauprojekt nur wenige Meter verrückt zu planen, im Wissen, dass die beiden alten Bäume dann wirklich stehen bleiben können. Und vielleicht war es auch gar nicht möglich, weil die Eigentümerverhältnisse des Grundstücks das nicht zuließen. Aber es ist natürlich zum Heulen, wenn die alten Damen wirklich weichen müssen. Noch heißt es, man werde prüfen, ob die Bäume versetzt oder anderweitig erhalten bleiben können.

Stichwort Eigentümer. Gerade im Quartier KMA II zeigt sich, welche Folgen die lange zurückliegenden Privatisierungen von Immobilien haben. Das Babette gibt es nicht mehr, aber angeblich doch noch. Was es mal war – nämlich etwas auch für die Anwohner*innen und Kulturinteressierten – musste weichen. Nun gehört es zum Café Moskau, dieser traurigen Karikatur einer einst öffentlich zugänglichen Gaststätte. Der Eigentümer, Nicolas Berggruen, will etwas draus machen lassen, was ganz und gar fancy ist. Man darf unter der Woche auch mal einen Drink nehmen, ansonsten finden da private Events statt. Natürlich und bestimmt sehr kulturvoll.

DieTanzZwiet, eine Institution, die jahrelang im Haus des Kindes (Flachbau neben dem Hochhaus) angesiedelt war, bekam die Kündigung des Eigentümers, Christian Boros, und musste im Juni diesen Jahres weichen. Nun ist sie, nach großen Mühen, gegenüber dem SEZ in der Landsberger Allee untergekommen. Was aus den einstigen Räumen wird, die mal öffentlich waren, weiß niemand.

Das Albert’s (immer hat sich die Autorin über das unsinnige Apostroph im Namen geärgert, aber trotzdem hin und wieder einen Wein dort getrunken), war das letzte Restaurant in den Pavillons. Aus und vorbei, der Vermieter wittert ein besseres Geschäft, ist in den Zeitungen zu lesen. Die einstige Mokka-Milch-Eisbar, so legendär, dass sogar Schlager darüber gesungen wurden, soll Büroraum werden. Nun ja – Büroräume sind gemeinhin keine öffentlich zugänglichen Orte.

Und an denen mangelt es im Quartier. Nirgendwo ein Treffpunkt für Alt und Jung oder nur Alt oder nur Jung. Restaurants, bis auf die am Strausberger Platz, keine. Und alle Hoffnung wird auf das Haus der Statistik gelegt, ein großartiges Projekt, das seine Zeit brauchen wird und schon jetzt, in der Planungs- und Entwicklungsphase sozusagen überbucht ist mit Hoffnungen, wer und was da alles unterkommen kann. Das Haus aber orientiert sich mehr Richtung Alexanderplatz, denn Wohngebiet, und wird als recht ehrgeiziges Projekt wahrscheinlich nicht geeignet sein, die kleinen und bescheidenen Wünsche einer Anwohner*innenschaft zu erfüllen, die niedrigschwellige Orte der Begegnung haben möchte, einen Arzt in der Nähe, Freizeitangebote für die Kinder oder schon Kindeskinder und für die älteren und alten Menschen noch dazu.

Das Haus der Gesundheit, verhökert von der AOK Nordost an privat, ist ein einziges Trauerspiel. Entgegen aller Versprechungen, auch des damaligen Gesundheitssenators Czaja, das Haus als Standort der medizinischen Versorgung zu erhalten: fast gähnende Leere im Gebäude, die Schilder am Eingang, auf denen einst stand, welche Arztpraxis in welcher Etage zu finden ist, fast alle unbeschriftet.

Noch eins muss man diesem Sommer lassen: Er hat die Hoffnung, dass Berlin vielleicht auch bald eine Stadt für jene ist, die sich zu Fuß bewegen, schrumpfen lassen. Das liegt natürlich auch an den vielen Baustellen, die Gutes verheißen und zugleich zum Aus-der-Haut-fahren sind. Der Wahnsinn, wie es um den Alexanderplatz herum aussieht, irre, wie groß das detektivische Gespür sein muss, um herauszubekommen, was die BVG mit den Umleitungen der Straßenbahnen, Unterbrechungen, Schienenersatzverkehren und Linienausfällen meint (für Fremde absolut gar nicht durchschaubar), verrückt, wie viele rot-weiße Plastikstraßensperren, bzw. -wegeleitsystemen auf der Länge von nur 100 Metern Platz haben, krass, wie lange sich diese Dinger um nur ein Schlagloch herum halten können, weil nix passiert. Niemand glaubt mehr ernsthaft, dass Bauaktivitäten und damit zusammenhängende Straßensperrungen oder -einschränkungen irgendwo und irgendwie koordiniert werden, und noch krasser, dass die Stadt es trotzdem nicht lassen kann, sich die letale Dosis an Krach und Zumutung mit Biermeilen und anderen Events zu holen.

Aber zurück zu den Fußgänger*innen: Die Kreuzung Mollstraße/Otto-Braun-Straße scheint exemplarisch für viele Orte in der Berliner Innenstadt: Wer hier als Fußgängerin einmal queren will, muss einfach Zeit und Geduld haben und darf nicht ängstlich sein. Alle Ampelschaltungen (und das ist symptomatisch für die Stadt) sind den Autofahrenden wohlgeneigt. Regelmäßig sieht man hier ältere Menschen, die nicht flink wie eine Gazelle und mutig noch bei Rot, die ganze Straße überqueren können, verzweifeln. Menschen mit Kinderwagen, überhaupt Menschen ohne Blech drumherum sind einfach störend. Und verstört. Wahrscheinlich sind sie es auch, für die diese „meiden Sie großräumig die Innenstadt“-Warnung gemeint ist.

Nun haben wir in diesem Sommer noch ein neues Verkehrsmittel dazubekommen – den umstrittenen und umkämpften E-Roller. Es ist großartig. Denn erst jetzt wird es richtig zur Trainingseinheit – vor allem für Ältere und alte Menschen (die können meist viel mehr, als sie sich zutrauen, wenn die Herausforderung nur groß genug ist), sich auf vielbefahrenen Straßen und Fußwegen zu bewegen. Und dann liegen die Dinger nach Gebrauch so hübsch in der Gegend rum, was noch mehr schlecht bezahlte Jobs schafft, wie die taz schreibt, obwohl es an denen in einer Stadt, in der sich die Leute Pizza ins Haus bestellen können, nicht mangelt.

4800 E-Roller gibt es in der Stadt, 2200 davon sollen in Berlin-Mitte rumfahrenstehenliegen. Auch die Bezirkspolitik sieht das problematisch und sucht nach Lösungen.

Es wundert nicht sehr, dass der eine oder andere Leser solcher Zeitungsberichte fragt, warum eigentlich immer erst nach Lösungen gesucht wird, wenn es zu spät scheint, auch dann, wenn das Problem bereits vorher hätte bekannt sein können.

Zu den Unsinnigkeiten und nicht ausreichend durchdachten Dingen gesellt sich dann noch die Bundespolitik mit recht lebensfremden Vorschlägen, wie die verkehrspolitischen Sprecher der Linksfraktion zu Recht anmerken.

Trotzdem war es auch ein Sommer der Superlative, wenn man zum Beispiel an die Mietpreisbremse, den Mietendeckel, denkt. Das damit einhergehende Gebrüll muss man aushalten. Was oft besser gelingt, als die brüllend laute Stadt immer zu ertragen.

 

Kathrin Gerlof            Mitarbeiterin Carola Bluhm