Böller – verbieten oder lassen?

Berlin ist auch Silvester die Hauptstadt der Superlative. Liegt jetzt schon ein paar Tage zurück, aber wahlweise denken die Menschen mit Grausen oder Vergnügen an die nächtliche Knallorgie, mit der am 31. Dezember das alte Jahr in den Orkus der Geschichte geschickt und das neue Jahr begrüßt wird. Im Vorfeld wurde in der Koalition über ein Verbot diskutiert.Die Medien berichteten darüber, für 2018 allerdings kam die Diskussion zu spät. Schade, sagen die einen – schließlich ist es mit Silvester, wie mit Weihnachten: Man weiß einfach, dass es jedes Jahr stattfindet. Zum Glück, seufzen die anderen, schließlich wäre es doch bedauerlich, verböte man uns das Vergnügen und ist es nicht unsere individuelle Freiheit und Entscheidung, es zu tun oder zu lassen?

Ganz einfach ist es tatsächlich nicht mit den Eingriffen in solche Privatvergnügen, denen allerdings in diesem Fall vor allem im öffentlichen Raum nachgegangen wird und das nicht selten ohne Rücksicht auf Verluste. Stundenlang ist es laut, am nächsten Morgen sieht die Stadt aus, wie eine Müllkippe, Jahr für Jahr gibt es Verletzte. Gegenüber meines Hauses befindet sich in der kleinen Straße hoch zum Park Friedrichshain ein Altenheim. Und jedes Jahr frage ich mich, wie es den Menschen in dem Pflegeheim wohl gehen mag, wenn vor ihrer Tür eine Geräuschkulisse herrscht, die den einen und die andere von ihnen möglicherweise an schlimmste Zeiten erinnert. Meine syrischen Nachbarn sagen, sie mögen es nicht und finden es auch beängstigend, haben sich aber inzwischen daran gewöhnt und wissen ja, dass Berlin nicht Damaskus ist.

Trotzdem ist die Frage in Zeiten, da wir andauernd und aus guten Gründen über Feinstaubbelastung reden, zumindest gerechtfertigt, ob ein Eingriff in das Recht auf Knallerei nicht doch gerechtfertigt wäre. Zumal andere Städte es vormachen und das Abendland darob offensichtlich nicht untergegangen ist. In Hannover gibt es ein besonders strenges Böllerverbot in der Innenstadt, in Düsseldorf wird der Verkauf auf wenige Tage beschränkt und darf in der Altstadt nicht geknallt werden, in Dortmund gilt das Verbot rund um den Hauptbahnhof und an einigen sehr belebten Plätzen, Bremen hat ein rechtes strenges Verbot und das bereits seit 2010, Göttingen hat die komplette Innenstadt für Böllerei zur Tabuzone erklärt. Offensichtlich verlassen die Menschen aufgrund dieser Verbote nicht massenhaft die Städte, um sich woanders niederzulassen.

Nun ist und gilt Berlin allerdings als die Metropole und ein Verbot in der Hauptstadt ist immer gut zu bedenken. Könnte eine gute Signalwirkung haben oder als spießig gelten. Spießig will hier niemand nimmer sein. Aber in Paris, Rom und Wien darf privat nicht geböllert werden und ob diese Städte deshalb gleich spießig sind, bleibt dahingestellt. Kann und sollte jede und jeder für sich entscheiden.

Ich kenne wahrscheinlich genauso viele Menschen, die es inzwischen vorziehen, Berlin zu Silvester der Böllerei wegen zu verlassen, wie ich Menschen kenne, die es genau wegen des Wahnsinns-Feuerwerks, das hier allenthalben und überall stattfindet, herzieht. Was erst einmal nur heißt: Egal, wie die Politik entscheidet, es wird Unzufriedene geben. Demzufolge wäre es gut, sich ausschließlich an die sachlich verbürgten Argumente zu halten, denn eine Gefühlsentscheidung kann und sollte es nicht sein.

Bereits im Februar des vergangenen Jahres wurde im Abgeordnetenhaus darüber diskutiert, ob und wie die Politik eingreift, um die Böllerei zumindest stufenweise in einigen Quartieren der Stadt zu regulieren, bzw. zu verbieten. Die Morgenpost berichtete darüber Viel weiter ist man dann allerdings nicht gekommen, was angesichts der vielen – im Wortsinn und im übertragenen Sinn – Baustellen nicht verwundert.

In Bezug auf die Umwelt liegen die Argumente für eine Regulierung, bzw. ein Verbot auf der Hand. Das Zeug macht die Stadt nicht schöner, die Luft nicht besser, die Müllberge nicht kleiner, die Bilanzen in den Notaufnahmen nicht erträglicher. Die Stadtreinigung hat auch so genug zu tun und niemand wird ernsthaft behaupten, Berlin sähe am Tag 1 des jeweils neuen Jahres schön aus. Schäden, die durch Böllerei entstehen, müssen geregelt werden, Sachschäden sind nicht immer einfach mit der Versicherung zu klären und betreffen manchmal Häuser und Anlagen, die uns sehr am Herzen liegen.

Bleibt trotzdem die Frage, wie groß der Eingriff in die Privatsphäre ist, wenn Silvesterfeuerwerk künftig in der Innenstadt oder gar in ganz Berlin nur noch in professionelle Hände gelegt würde. Darüber sollte mit nun ausreichender Zeit bis zum nächsten großen Knall, vernünftig debattiert und eine Entscheidung getroffen werden. Bereits 2016 hatte eine Umfrage ergeben, dass sich eine Mehrheit der Deutschen für ein Verbot von Feuerwerk in Innenstädten ausspricht. Das klingt nach einer Steilvorlage.

Kathrin Gerlof /Wahlkreismitarbeiterin