Liebe Carola Bluhm, Katrin Seidel und Udo Wolf,

ich schreibe im Namen meiner Familie, um Ihnen unseren herzlichen Dank für Ihre Großzügigkeit auszusprechen, mit der Sie uns geholfen haben, unser Ziel zu erreichen: Steine zum Gedenken an unsere Vorfahren zu setzen.

Es war und ist für uns ein sehr emotionaler Prozess, der viel Zeit, Energie und Ressourcen gekostet hat. Die wunderbaren Ehrenamtlichen des Stolpersteine-Projekts haben uns mit Geduld, Hingabe und Fleiß durch diesen Prozess geführt, und dafür werden wir immer dankbar sein.

Wir waren überrascht, erfreut und berührt zu hören, dass Sie – die uns noch nie begegnet sind – sich entschieden haben, uns auch auf dieser Reise zu begleiten. Wir schätzen Ihre Unterstützung nicht nur für den monetären Aspekt (der natürlich sehr hilfreich und geschätzt wird), sondern auch dafür, dass Sie die Vorstellung teilen, dass das Stolpersteine-Projekt eine äußerst wichtige und wertvolle Sache ist.

Wir senden Ihnen unseren Dank und herzliche Grüße.

Tamar Hershko

Im Namen der Familie Rosenthal

 

Dieser Brief erreichte das Wahlkreisbüro Bluhm, Seidel, Wolf im Juli 2018.

Vorausgegangen war dem die Entscheidung aller drei Abgeordneter, mit einer Spende in Höhe von 600 Euro die Verlegung weiterer Stolpersteine in Berlin zu ermöglichen. Zu dem Zeitpunkt waren die Recherchen über die Familie Rosenthal und deren Schicksal während der Zeit des Nationalsozialismus bereits weit gediehen.

Stolpersteineist ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, mit dem an Menschen erinnert wird, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Die zehn mal zehn Zentimeter großen und mit einer Messingplatte versehenen Betonquader erinnern überall in der Stadt an Menschen, die hier gelebt haben und durch die Nationalsozialisten vertrieben und getötet wurden.

Heute werden Stolpersteine für Juden, Sinti und Roma, Menschen aus dem politischen oder religiös motivierten Widerstand, Homosexuelle, ZeugInnen Jehovas, Opfer der „Euthanasie“-Morde und für Menschen, die als vermeintlich Asoziale verfolgt wurden, verlegt.
Ehrenamtlich engagieren sich Menschen in Berlin und anderswo in Deutschland, die Geschichten jener Menschen zu recherchieren, dass sie aus dem Vergessen geholt, und für immer erinnert werden können. Barbara Schneidewind, die das Leben der Familie Rosenthal erforschte, schrieb an das Wahlkreisbüro:

Ich arbeite ehrenamtlich für die Initiative Stolpersteine, indem ich Biografien recherchiere und Menschen frage, ob sie bereit wären, für die Verlegung von Stolpersteinen zu spenden. Ich hatte Sie gefragt, ob Sie Paten  werden wollten für einige Stolpersteine  der insgesamt 14  Steine, die wir für die Familie Rosenthal aus Tel Aviv im Herbst dieses Jahres verlegen lassen werden.
Natürlich verlegen nicht „wir“ sie, sondern es ist der Wunsch von Guy Rosenthal, einem jungen Mann, dessen  Urgroßeltern, Hedwig und Arthur Rosenthal, sowie viele andere Verwandte dieser Familie in der Shoah ermordet wurden.  Zusammen mit meiner Freundin und Mitstreiterin Monika Hui haben wir über eineinhalb Jahre recherchiert, wie die Familienverhältnisse waren und sind, wer überlebt hat und wer nicht, wer überhaupt wer in dieser  großen Familie der Posamentierwarenhändler  war, denn Guy hatte, als ich das erste Mal mit ihm telefonierte, nur einige Namen – Alexander, Rosenthal, Kessel, Bernstein, Pese, Wittenberg, Wollenberg und viele andere, und wusste  genauso wenig wie wir, wer zu wem gehört. Inzwischen haben wir über 400 Familienangehörige gefunden, und aus den vielen Menschen, die nicht namentlich geehrt werden konnten, wollen wir 14 Menschen „einen Namen geben“, wie man es heutzutage so gerne und oft sagt.
Die Rosenthals leben zwar auch in Israel, aber auch in England und den USA, und viele wollen zur Steinlegung nach Berlin kommen. Das kostet. Und so ist es sehr schön, dass Sie einen Teil der Kosten übernehmen, indem Sie Pate werden, natürlich ist es auch deswegen schön, dass Sie Pate werden, weil Sie damit einen Beitrag leisten zur Sichtbarmachung der deutschen Geschichte.

„Wir freuen uns, etwas beitragen zu können zur dieser Art der Sichtbarmachung deutscher Geschichte“, sagt Carola Bluhm. „Denn, was wir wissen ist: Noch immer ist Antisemitismus virulent. Noch immer müssen jüdische Einrichtungen in dieser Stadt bewacht werden. Noch immer wird die Geschichte des Holocaust von einigen Menschen und Gruppen geleugnet, findet Geschichtsklitterung oder Verdrängung statt. So, wie ich oft stehenbleibe, weil ein glänzender Stein mich ‚stolpern‘, also innehalten lässt, und ich dann lese, wer in diesem Haus, an diesem Platz einst gelebt hat und in welchem Vernichtungslager der oder diejenige umgekommen ist, weiß ich, dass dies auch viele andere Menschen tun. Jeder Stein ist eine Erinnerung und jede Erinnerung ein kleiner Schritt aufeinander zu.“

Wenn die Steine, für die Carola Bluhm, Katrin Seidel und Udo Wolf gespendet haben, im Herbst 2018 verlegt werden, kann die Biografie der so in Erinnerung gerufenen auf der Webseite https://www.stolpersteine-berlin.de gelesen und erfahren werden.