Ins Schwitzen kommen

Gerade hatte Jörg Kachelmann angekündigt, dass uns die heißesten Tage des bisherigen Jahres bevorstehen. Nicht mehr von subtropisch, von Sahara-Klima ist die Rede. Im BVV-Saal war es schon warm genug am 20. Juni, der letzten öffentlichen Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung Mitte vor der Sommerpause. Und man mochte sich nicht vorstellen, wie es sein würde, kämen die 37 Grad plus da draußen wirklich.

Trotzdem irgendwie feierlich, denn nach der Begrüßung und dem Tagesordnungspunkt Einwohner*innenanfragen, der sehr turbulent war, wurde die Bezirksverdienstmedaille verliehen. Mit Blumen, Dankesreden, richtiger Medaille und einem kleinen anschließenden Empfang. Der fiel sehr kurz aus, denn die Tagesordnung war so lang, dass sie einen Abend in die Nacht hinein versprach. Als gäbe es kein Morgen, dabei tagt die BVV bald wieder.

Wie immer ein Bericht von der BVV auf der Webseite der Linksfraktion, der einen guten Überblick über das Arbeitspensum, die Beschlüsse und die Herausforderungen für die kommenden Wochen und Monate gibt.

Bei den Einwohner*innenanfragen, die sich ausschließlich um den Monbijoupark drehten und das Theater, dem in diesem Fall eine gewissen Doppeldeutigkeit nicht abzusprechen ist, denn es gibt seit Monaten Theater ums Theater. Und ehrlich geschrieben, kann sich gegenwärtig – zumal inzwischen auch Anwält*innen und Gerichte eingeschaltet sind – nur in die Nesseln setzen, wer versucht, die reine Faktenlage zu extrahieren und zu beschreiben. Zu hoffen bleibt, dass sich alle Beteiligten doch irgendwann wieder an einen Tisch setzen und miteinander reden können.

Was manche vielleicht nicht wissen, einer großen Großstadt wie Berlin aber auch nicht bestens zu Gesicht steht: Die BVV, das Bezirksamt und die Bürger*innen sind im Rathaus nur zur Miete. Das wird nicht ewig so bleiben, denn der Plan ist ja, dass die Zukunft der BVV und des Bezirksamtes im Haus der Statistik stattfinden wird. Dauert aber noch. Jetzt zur Miete, und wenn Regen- oder Abwasserrohre den Geist aufgeben, wie in jüngerer Vergangenheit geschehen, dann steht das Amt schon mal unter Wasser, bzw. tropft das Wasser von der Decke. Beim Regenwasserrohr hatte das eine Störung der Telekommunikationsanlage zur Folge, die zum Zeitpunkt der Sitzung noch nicht behoben war. Nicht schön, das einzig Gute daran: Der Vermieter muss finanziell für den Schaden aufkommen. Diese Aufklärung, bzw. Information verdanken wir einer Anfrage der Linksfraktion, die in der BVV beantwortet wurde.

Ein Antrag der Linksfraktion befasste sich mit Alexanderplatz und sei an dieser Stelle auch deshalb hervorgehoben, weil der Alex ein Ort ist, an dem Lachen und Weinen immer dicht beieinander liegen. Es kann nur schwer sein, diesem großen Platz eine Art Leben zu ermöglichen und einzuhauchen, das Aufenthaltsqualität mit Touristischer Attraktion verbindet, sowohl den Einheimischen gefällt, als auch all jenen, die dort tatsächlich nur zum Shoppen, Abhängen, Treffen (Weltzeituhr natürlich) hinkommen und eher nicht verweilen. So oder so: Verweile doch, du bist so schön, gilt für den Alexanderplatz nicht. Auch nicht an den vielen, vielen Markttagen, bei denen man nur am Wetter und an den Außentemperaturen erkennt, ob es sich hier gerade um Ostern, Weihnachten, den 1. Mai, den Tag der Deutschen Einheit oder, oder handelt. Der ganze Budenzauber, der für viele Marktteilnehmer*innen natürlich wichtig ist, weil sich hier notwendiger Umsatz realisiert, ist zum Heulen hässlich.

Schon 2009 schrieb die nicht allzu revolutionäre Zeitung „Welt“ einen Text mit der Überschrift: „Am Alex wurden Revolutionäre zu Konsumenten“. Wahr gesprochen. Denn es fällt schwer, sich an den 4. November 1989 zu erinnern, an die große Aufbruch-Demonstration des Wendeherbstes, geht man heute über den Platz. Versucht man dabei, weder in eine prall gefüllte Primark-Tüte zu rennen, noch einen prekär bezahlten Grillwalker an der Arbeit zu hindern, gibt sich Mühe, die schlafenden Obdachlosen neben der Kneipe „Besenkammer“ nicht zu stören, bemüht sich, die Gerüche der Fast-Foodketten im S-Bahnhof zu ignorieren, keinem Straßenmaler auf das Kreidekunstwerk zu treten, großräumig die fliegenden Händler mit den russischen Pelzmützen zu umrunden, fotografierenden Tourist*innen nicht vor die Handy-Kamera zu geraten.

Und so lautet der aktuelle Antrag der Linksfraktion auch richtig: „Erlöst uns vom Wettbewerb des schlechten Geschmacks auf dem Alexanderplatz!“ und fordert eine kritische Diskussion zwischen allen Zuständigen und eigentlich auch Zuständigen – nämlich Bürgerinnen und Bürgern. Daran müsste die rot-rot-grüne Landesregierung großes Interesse haben. Immerhin war es ein sozialdemokratischer Baustadtrat (Martin Wagner), der Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Idee eines „modernen Weltstadtplatzes“ entwickelte.

Weltstadt ist Berlin geworden, Weltstadtplatz der Alex nicht. Was nicht heißt, dass er es nicht doch noch werden kann. Und es gab und gibt ja auch eine hoffnungsvoll stimmende Debatte um die Alte Mitte. Darüber, ob das eine neue Liebe werden kann. Damit ist dann allerdings das ganze Areal von der Spree bis eigentlich rüber zum Haus der Statistik gemeint. Das muss mitgedacht werden. Das wird ein großes Ding mit Ausstrahlung auf den Alexanderplatz.

Vor drei Jahren hatte die Abgeordnete Carola Bluhm einmal für die Zeitung „mittendrin“ aufgeschrieben, wie sich einen Prozess des Änderns und der Veränderung, vor allem der Diskussion darüber, vorstellt.

Das las sich so:
„Alle, die es wollen, sollen mitreden. Und die, die darauf keine Lust oder dafür keine Zeit haben, sollen sich durch andere gut vertreten fühlen. Wen meinen wir mit alle? Ganz bestimmt nicht nur Politikerinnen und Politiker, Stadtplanerinnen und Stadtplaner. Die sind wichtig, aber eine Mitte für alle sollte nicht hinter geschlossenen Türen erfunden werden. Wir finden, dass diejenigen, die in der Mitte oder in ihrer Nähe leben, mitreden und mitentscheiden sollen, genauso wie jene, die anderswo in Berlin leben, aber sagen, dass die ‚Berliner Mitte‘ genauso zu ihrer Stadt gehört, wie der Grunewald oder Marzahn-Hellersdorf. Für uns gehören auch die dazu, die unsere Stadt nur besuchen – Touristinnen und Touristen also. Ebenso wie all jene, die sich aus verschiedensten Gründen sehr viel in der Mitte aufhalten. Sei es, weil sie mehr oder weniger oder gar nicht freiwillig draußen leben oder weil ihr Arbeitsweg sie jeden Tag durch die Mitte führt, weil sie hier mehrmals im Jahr mit ihren Verkaufsständen auf dem Alexanderplatz stehen und damit ihren Lebensunterhalt verdienen, weil hier ihr Arbeitsplatz ist, weil sie hier regelmäßig einkaufen gehen oder nicht einkaufen gehen können, stattdessen für ihr täglich Brot betteln müssen. Das sind aber viele Menschen, die kriegt man doch gar nicht unter einen Hut, werden viele einwenden. Und es stimmt: Einfach ist das nicht. Aber es gibt immer und in jeder Gruppe Menschen, die bereit sind und sich in der Lage fühlen, die Interessen der anderen aus ihrer Gruppe zu vertreten. Solche Menschen wollen wir suchen und finden und mit denen wollen wir gemeinsam diskutieren.“

Und was hat das jetzt mit der BVV Mitte zu tun? Viel. Sehr viel. Der Bezirk wird im schönsten Fall mehr als ein gutes Wörtchen mitreden, wenn es um neue Konzepte für den Alexanderplatz geht. Und dann, wenn wirklich viele mitreden können und auch mitentscheiden dürfen, wird es ganz bestimmt kein Wettbewerb des schlechten Geschmacks sein. So viel ist klar.

Das Blog-Team Carola Bluhm wünscht schöne Ferien

Kathrin Gerlof