Guter Film

Für den 10. Februar war eine etwas andere Abendvorstellung im Kino International an der Karl-Marx-Allee (KMA) angekündigt. Und der Saal wurde ziemlich voll. Rund 500 Menschen, die meisten Anwohner*innen der KMA II (II steht für 2. Bauabschnitt, das sind jene 800 Meter Allee zwischen Alexanderplatz und Strausberger Platz) waren gekommen, um sich anzuhören, wie die Planungen für den Mittelstreifen sein werden, der nun bald – nachdem die breite Straße komplett erneuert wurde – fertiggestellt werden kann. Parkplätze oder Grün, darauf lief und läuft die Kontroverse hinaus. Denn ursprünglich und mit Beteiligung der Anwohner*innen gab es 2014 eine dünne, aber Mehrheit, die sich für Parkplätze aussprach. Das war vor den heißen Sommern, die uns in den vergangenen zwei Jahren gezeigt haben, was Stadt auch sein kann: Eine Hitzefalle – nicht ausreichend gerüstet für Temperaturen über 35 Grad, lange Trockenperioden und Starkregenereignisse. Inzwischen ist viel passiert. Nicht nur in Berlin. Überall auf der Welt, erklärte die Umwelt- und Verkehrssenatorin Regine Günther, rüsten sich Metropolen für den Klimawandel. Was heißt: Es wird um- und neugedacht. Und was vor wenigen Jahren noch in Ordnung schien, kann es heute schon nicht mehr sein.

Der Tagesspiegel titulierte die Veranstaltung im Kino denn auch als politisches Lehrstück, als eine Diskussion unterm Brennglas. Dem ist zuzustimmen. Vorausgegangen war der Veranstaltung der Ärger vieler Bürger*innen, die sich bei der Abweisung einer einst getroffenen Entscheidung und Verkündung einer neuen Entscheidung übergangen fühlten.

So betrachtet wurden am 10. Februar zwei Problemfelder verhandelt:

Wie geht man mit Bürger*innenbeteiligung um und wie ist sie – wenn sich die Bedingungen ändern und Entscheidungen überdacht werden müssen – zu gestalten?

Was alles muss jetzt und sofort und an allen Orten in der Stadt getan werden, um für den Klimawandel, der nicht mehr aufzuhalten ist, gerüstet zu sein?

Seit Januar 2018 wird die KMA II gebaut. Sie war einst entworfen für die sogenannte „autogerechte“ Stadt und für die Selbstdarstellung  und Selbstvergewisserung des Staates DDR. Aufmarschmeile, Flaniermeile, Automeile, Prachtmeile, Moderne, Antlitz des real existierenden Sozialismus, Verkündung des neuen Menschen – die Karl-Marx-Allee verkörperte vieles und das ist so geblieben. Denn zu den Auseinandersetzungen um die 800 Meter gehört auch der Wunsch, der einst geteilten Stadt ein gemeinsames Weltkulturerbe(Hansaviertel in Tiergarten und KMA II in Mitte) zu ermöglichen – was Identifikation stiftet und Verantwortung beinhaltet und natürlich Möglichkeiten eröffnet, sich seiner Geschichte in all ihrer Differenziertheit zu stellen.

Einst war die KMA II also mit sechs Autospuren bedacht und in der Mitte gab es einen breiten Parkstreifen. Nun wird es nur noch vier Autospuren geben, vier Meter breite Radwege auf beiden Seiten, 1,50 Meter breite Sicherheitsstreifen, die Fußwege bleiben in all ihrer Üppigkeit 17 Meter breit und auf dem zehn Meter breiten Mittelstreifen sollen die 170 Parkplätze wegfallen, stattdessen soll es Grün geben. Wenn möglich, kein totes Grün, das Kunstrasen ähnelt, und wenn möglich, Grün, das ausreichend Pflege bekommt. Daran muss sich dann Politik messen lassen, denn gegenwärtig fehlt es in der Grünpflege an allen Ecken und Enden an Personal.

Zum Hintergrund ist noch Folgendes wichtig: Durch die Karl-Marx-Allee fahren im Schnitt täglich 30.000 Autos. Im Quartier KMA II gibt es 4720 Wohnungen, leben 8500 Menschen für die insgesamt 3536 Parkplätze zur Verfügung stehen. Auf zehn Wohnungen kommen also sieben Parkplätze, wie Stadtrat Ephraim Gothe den Bürger*innen erklärte. Damit gehört dieses Quartier zu den berlinweit best- bzw. überausgestatteten Quartieren, was Parkplätze anbelangt. Und daran wird sich auch nichts ändern, wenn 167 Parkplätze wegfallen. Wichtig sei aber – so Senatorin und Stadtrat –, dass vor allem für Menschen mit Behinderung und körperlichen Einschränkungen Möglichkeiten vorgehalten werden, nahe ihrer Wohnung das dringend benötigte Auto abstellen zu können.

Die Zukunft – auch Berlins – hängt ansonsten davon ab, dass der Autoverkehr weniger wird, stattdessen mehr Menschen auf Rad und öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Autogerechte Stadt käme heute Selbstmord gleich – klimatisch, aber auch, wie wir von den vielen Verkehrstoten in unserer Stadt wissen, was die Sicherheit und den Schutz der Menschen anbelangt. Parken auf dem Mittelstreifen einer breiten Straße ist eine Gefahrenquelle an sich. Da muss man nicht mal den Klimawandel bemühen, um das in heutigen Zeiten anzuerkennen und Stadtplanung entsprechend anders zu gestalten.

Senatorin Günther hatte zu der Veranstaltung viel Expertise geladen und die kam ausreichend zu Wort: Landesdenkmalamt, Staatssekretär Gerry Woop aus dem Kultursenat, der Leiter der Tiefbauabteilung, Landschaftsarchitekten und -planer.

Hätte es einen Beifallsmesser gegeben, wäre wahrscheinlich rausgekommen, dass die Ausführungen der Klima-Senatorin zu der Frage, wie sich Berlin wird rüsten und vorbereiten müssen, auf das, was bereits Wirklichkeit ist, den größeren Zuspruch fanden. Und als die Diskussion mit den Anwesenden eröffnet war, schien sich das zu bestätigen, denn es gab niemanden, der oder die erklärte, er oder sie sei für mehr Parkplätze und Grün stünde da an zweiter Stelle. Kontrovers ging es eher beim Thema Mitsprache, Beteiligung, rechtzeitige Information, Verwaltungshandeln zu. Gut moderiert übrigens und die Menschen vorn auf dem Podium gingen auf alle Fragen und auch Anwürfe ein, was nicht heißt, dass alle Fragen beantwortet werden konnten.

Manche hatten bereits im Vorfeld gespottet, dass ein Grünstreifen mehr das Klima nicht gerettet würde. Das stimmt und ist zugleich grauslig falsch. Denn es ließe sich noch bei jeder Maßnahme erklären, dass dies allein keine Rettung ermöglicht, und am Ende könnte das darauf hinauslaufen, gar nichts zu tun.

Richtig ist aber: Die KMA II ist nur ein kleiner Teil der Stadt. Und wenn es was bringen soll, einen Grünstreifen anstatt Parkplätze zu bauen, dann braucht es dafür ein Gesamtkonzept – sowohl für Grün als auch für Verkehr. Beides getrennt zu denken, war viel zu lange üblich und unumstritten.

Zu sagen ist aber auch: Dass in Berlin an einem stürmischen Abend, an dem der Wetterdienst eher empfohlen hatte, zu Hause zu bleiben, 500 Menschen zu einer Bürger*innenveranstaltung kommen, das ist ermutigend und großartig. Denn nichts ist schlimmer, als Desinteresse oder Resignation.

 

Kathrin Gerlof   – Mitarbeiterin Carola Bluhm