Großes Berlin groß denken

Eine knappe Mehrheit sorgte vor 100 Jahren dafür, dass die kreisfreien Städte Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg, Spandau, Lichtenberg und Neukölln sowie die Gemeinde Köpenick und einige Dutzend Dörfer und Gutsbezirke der Reichshauptstadt zugeschlagen wurden.

Plötzlich war Berlin groß. Nur noch Los Angeles größer in der Fläche. Der Schauspieler Hanns Zischler hat mal gesagt, Berlin sei zu groß für Berlin. Viele meinen, dies habe damit zu tun, dass Berlin, diese große Stadt, aus ei- nem Verwaltungsakt heraus entstan- den ist. Nicht gewachsen, nicht aus starken Wurzeln in Höhe und Breite geschossen, stattdessen erst einmal Ergebnis eines Beschlusses. Aber was ist daraus Tolles geworden!

Gerade in diesen Jahren wurden die Diskussionen über die Alte Mitte mit neuer Liebe aufgenommen und weitergeführt. Das ist wichtig, denn natürlich stimmt es nicht, dass Berlin kein Zentrum hat. Nur fällt es gegenwärtig schwer, zwischen Spree und Alexanderplatz den Herzschlag zu spüren. Zwischen Großbaustellen (Humboldt-Forum, U-5, neue Hochhäuser), Shopping-Meilen und breiten Fahrbahnen, die den toten Traum der autogerechten
Stadt verkörpern, wird die neue Liebe auf eine harte Probe gestellt und lässt sich gerade schwer argumentieren, dass dieser Gründungsort eine große Bedeutung für die Stadt hat. Hier ist Mitte! Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Berlins Mitte eine ewige Baustelle, ein Möchte- gern-aber-kann-nicht, ein unerfüllter Traum von öffentlichem Raum, geschichtsträchtiger Architektur aller bisherigen Epochen und großer Aufenthaltsqualität
bleiben wird.

Richtig aber ist: Hier besteht gegenwärtig die größte Chance, öffentlichen Stadtraum gemeinsam, mit vielen Akteur*innen zu denken und zu gestalten. Das hat die Debatte um die Alte Mitte gezeigt, die 2016 vorerst abgeschlossen wurde, das zeigen die neuen Initiativen einer Wiederbelebung und Weiterführung dieser Debatte. 100 Jahre Großberlin ließe sich am besten mit einem solchen ergebnisoffenen, spannenden Dialog feiern. Mit einem Dialog, bei dem die Meinungen aufeinanderprallen und durch den aus verschiedenen Sichtweisen auf diese Stadt, auf ihr Zentrum und ihren Ursprung, etwas Neues entsteht. Wenn das gelingt, ist Berlin groß.

Carola Bluhm

Dieser Text erschien zuerst in “mittendrin” Ausgabe 09 /2020