Durch die Windschutzscheibe gegen die Wand

Voraussichtlich am 17. Mai stimmt der Bundesrat über einen Vorschlag des Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer /CSU ab, den man, mit Verlaub gesagt, als Zumutung bezeichnen muss: Geht es nach dieser E-Scooter-Verordnung, soll es motorbetriebenen Fahrzeugen generell erlaubt sein, Gehwege als Fahrwege zu benutzen. Fahren sie nicht schneller als 12 Stundenkilometer (§10 Referentenenentwurf).

Nun muss man wissen, als schneller Fußmarsch gilt – international unterschiedlich – eine Geschwindigkeit zwischen 4,5  und 7,5 Stundenkilometern. Durchschnittlich legt ein Mensch in einer Sekunde einen Meter zurück. Womit wir bei 3,6 Stundenkilometer wären. Was – das dürfte wohl Konsens sein – auch unserer Wahrnehmung entspricht. Selten, dass sich zu Fuß Gehende im Marschtempo auf den Trottoirs bewegen. Rechnen wir nachsichtig, schlägt der Verkehrsprofi Andreas Scheuer eine dreifach beschleunigte, zudem motorisierte Mobilitätskonkurrenz im selben Raum vor. Nämlich 10,8 Stundenkilometer. Dass sich Konflikte Unfallgefahr und Schadensumfang in Fragen von Geschwindigkeit und Geschwindigkeitsunterschieden nicht linear sondern exponentiell entwickeln, kann man getrost als gesicherte Erkenntnis der Wissenschaft Forschung und Erfahrung annehmen. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Wer möchte schon auf der Autobahn ambitionierten Fahrradfahrenden begegnen? Die sind auch nur dreimal langsamer, als ein LKW mit den üblichen 10 Stundenkilometer mehr auf dem Tacho. Nämlich 30 Stundenkilometer. Ganz ohne Motor. Und da wäre oft sogar noch Platz. Auf der Standspur. Stünde da nicht der LKW-Fahrende. Zur Übernachtung. Rasthof ist voll. Eine Folge des Konzepts „Straße statt Schiene“

Nun fragt man sich im Weiteren: Weshalb kommt es zu einer derart geradezu freihändigen Würdigung von Basis-Fakten, während Gerichte in Deutschland, oder auch Österreich in laufender, gültiger Rechtsprechung um die 7 Stundenkilometer als Schrittgeschwindigkeit festlegen. Und dies meist aus der Perspektive,  was motorisierte hinter der Windschutzscheibe, oder mindestens mechanisierte Verkehrsteilnehmende als Schrittgeschwindigkeit anderer annehmen müssen und dürfen: Nämlich nicht mehr als das Marschtempo von Gehsportlerinnen oder trainierten Soldaten. Dem sie sich anzupassen haben. Nicht umgekehrt. 12 Stundenkilometer Herr Scheuer? Windschutzscheibe vereist? Scheibenwischer kaputt? Wie auch immer. Sehr undurchsichtig.

In Frankreich wird im September dieses Jahres das Befahren der Gehwege mit E-Scootern, Segways und ähnlichen Fahrzeugen verboten werden. Verkehrsministerin Elisabeth Borne möchte damit, wie sie in einem Interview sinngemäß formuliert, die entstandenen anarchischen Zustände auf den Trottoirs beenden. Eine Konsequenz aus praktischer Erfahrung, der sprunghaften Zunahme dieses Motorverkehrs in den letzten Jahren, ihrer Unfallbilanz. Aus Madrid ist ähnliches zu hören.

Wer den neuen Mobilitätsformen Raum verschaffen will, muss dies auf Kosten des klassischen Autoverkehrs tun – vor allem in der Stadt. Und allem voran in den großen Städten. Ein Bundesverkehrsminister einer Partei zugehörig, die sonst gerne allerorten anarchische Zustände beendet sehen möchte, wünschten wir bessere Beratung und uns den besseren Einsatz unserer Ressourcen in einem Ministerium, dessen Aufgabe es ist, visionäre Konzepte zu entwickeln und zu unterstützen.

Rätselhaft auch, wie sich die Enthusiasten nebst anhängiger Branche von solchen Vorstößen Akzeptanz, Verbreitung und schließlich ökonomischen Erfolg versprechen. Ist da niemand zu Hause für die Mitteilung: Selbstverständlich muss der Raum den Autos abgerungen werden! Dazu gibt es überhaupt keine Alternative. Verbündet euch mit der Realität!

Womit wir wieder bei dem Thema wären, das uns an anderer Stelle auch umtreibt: Der Grund, Boden, der Raum, die Räume die wir uns teilen und nutzen. Ist nicht beliebig vermehrbar. Es gibt keinen Verkehrstreifen, den wir vernünftigerweise und unseren derzeitigen Budgets entsprechend in die Luft bauen, bauen, bauen, könnten. Obwohl uns auch hier eingetragene Vereine mit absetzbarer Spendenquittung anderes erzählen. Hätten Sie gedacht, dass es gemeinnütziger und steuerlich förderungswürdiger ist als, sagen wir mal ATTAC, sich vorzustellen, Schienenwege zu überbauen, um darauf einen innerstädtischen Flughafen zu setzen? Unbedingt: Wissenschaft darf und sollte viel dürfen. Aber Timing ist alles. Gut möglich, dass dereinst mit dem Quadrokopter Milch und Brot gekauft wird. Aber aktuell wäre ich für eine Beschleunigung von innerstädtischer Mobilität, bei der wir keine zu Fuß Gehenden umkacheln müssen. Also für Bauarbeiten im Erdgeschoss. Am Fundament. Dem Basement wie man heute sagt.

Tatsächlich entwickeln sich die neuen Mobilitätsformen, wie die ganz alten, im öffentlichen Verkehr zu den schnelleren flexibleren Verkehrsmitteln in der Stadt. Und könnte die gute alte Bahn die Kontingente schneller Verbindungen anbieten, die nachgefragt werden, gilt das auch zwischen den Städten. Oder wer ist mit einem Flug ehrlich schneller von Berlin nach München? Ich meine Brutto. Ab Haustür bis zur Haustür am Ziel. Während der alte KFZ-Individualverkehr im Stau steht. Die Fahrstreifen für die Schnelleren blockiert. Die Investitionen im Schienennetz fehlen und der Inlandsflug frisst objektiv von Allem aber auch von meiner Zeit mehr.

Gut zu hören: Der Senat ist von den Fraktionen der SPD, B90/Grüne und DIE LINKE aufgefordert, am 17. Mai gegen Scheuers Vorschlag im Bundesrat zu stimmen. Ermutigend, dass es im Moment danach aussieht, dass sich andere Bundesländer  anschließen. Kommt es zum Schwur.

Und vielleicht ein Anlass, sich auch an dieser Stelle in den Ländern, den Städten, den Gemeinden über die Anforderung an die Bundespolitik zu einigen: Es braucht einen Masterplan, um eine Verkehrswende möglich zu machen. Wir haben es in der Hand, dass dafür weder Autofahrer noch Fußgänger hemdsärmelig rechtlich und sozial fragwürdig einfach enteignet werden müssen. Aber die Stadt, das Land, die Welt für Autos ist Vergangenheit. Bereits zu Beginn dieses Irrtums einer perfekten Autowelt warnte die Wissenschaft. Damals noch vor allem, weil dafür gewachsene Stadtquartiere planiert wurden. Und das keineswegs nur in Städten und Ländern, wo der Krieg die Brachen für solche Irrtümer produziert hatte.

Eine Gelegenheit an den Schweizer Lucius Burckhardt zu erinnern. Ihm widmet der Deutschlandfunk dieser Tage eine hörenswerte Mini-Serie.

Was so unerhört unseriös als Spaziergangswissenschaft daherkommt, ist in Wahrheit von einfachster Seriosität – sozusagen das Erdgeschoss, der Gehweg, auf dem wir uns begegnen: Fuß vom Gaspedal. Steigt aus dem Auto. Die Windschutzscheibe versperrt den Blick.

Wir haben was zu besprechen.

Rico Prauss – Mitarbeiter