Carola Bluhm ist Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE im Abgeordnetenhaus von Berlin

Carola Bluhm persönlich

Ich komme aus einem Elternhaus, in dem viel diskutiert wurde. Vor allem in den 80er Jahren, da war ich ja schon eine junge Erwachsene, haben wir uns über dieses Land DDR die Köpfe heiß geredet. Widersprüche gab es zu Hauf. Diese Diskussionen haben mich ermutigt, politisiert und sensibilisiert. Nach der Polytechnischen Oberschule habe ich das erste Mal Berlin verlassen, bin für eine Ausbildung als Obstgärtnerin nach Werder an der Havel gegangen. Dort hingen die Widersprüche sozusagen am Baum. Wir haben Äpfel geerntet, sorgfältig verpackt und dann vermoderten sie in den Kisten, weil es an Transportkapazitäten mangelte. Morgens um vier aufgestanden zu sein, um zu ernten, schien plötzlich völlig sinnlos gewesen zu sein. Eine bittere Erfahrung und dennoch bin ich in dieser Zeit Kandidatin der SED geworden.

Während des Studiums der Soziologie habe ich mich viel mit Stadtsoziologie beschäftigt – das war eine nachhaltige Konfrontation mit der Realität. Wohnungsmangel, massive Wohnungsprobleme in Mitte und Prenzlauer Berg, die öffentliche Darstellung und die tatsächliche Situation stimmten nicht überein. Junge Familien fanden keine Wohnung, ältere Menschen wären gern in kleinere Wohnungen gezogen, wollten aber in ihrem sozialen Umfeld bleiben. Es herrschte großer Mangel und es gab viele unerfüllbare Wünsche. Gleichzeitig habe ich die Erfahrung gemacht, dass es möglich ist, mit Kind zu studieren, dass sich Familie und Beruf vereinbaren lassen. Alles war voller Widersprüche und viele offizielle Erklärungen, warum das so ist, stimmten vorn und hinten nicht.

1887 schloss ich mein Studium mit einer Diplomarbeit zur Einführung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien am Mode-Institut der DDR ab. Mode war ja auch so ein Sektor, in dem viele kreative Menschen vieles bewegen wollten, aber an den Bedingungen scheiterten. Logisch, dass die kritischen Teil meiner Diplomarbeit nicht öffentlich zugänglich waren. Die Soziologie war in der DDR kein sonderlich geliebtes Fachgebiet, setzte sie sich doch immer mit dem Verhältnis von Anspruch und Realität auseinander. Und je näher das Ende der DDR rückte, umso schwieriger wurde es. Das hat mich weiter politisiert.

1987 fing ich an, im Institut für sozialistische Wirtschaftsforschung der Leichtindustrie an der Hochschule für Ökonomie zu arbeiten. Dort blieb ich bis 1991, also in den Umbruchs- und Wandeljahren. Es war eine gute Arbeit, bei der ich viel gelernt habe. Auch, mich durchzusetzen gegen die Deutungshoheit meist männlicher Professoren.  1988 kam mein Sohn Max zur Welt, Marie war drei Jahre alt. Ich habe die Wende also mit zwei kleinen Kindern erlebt.

Am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz, das waren für mich Stunden des Aufbruchs und der Klarheit, zugleich war ja in diesen Wochen und Monaten alles verwirrend.

1990 wurde ich in die „Warteschleife“ geschickt, ein halbes Jahr später hatte ich keine Arbeit mehr. Noch kurz zuvor hatte ich auf einem Soziologiekongress über Arbeitslosigkeit diskutiert, jetzt war ich selbst davon betroffen. Aber die war nicht der Grund, in die Politik zu gehen, das wäre auch nicht gut gewesen, aus der Not heraus solch eine Entscheidung zu treffen.

Tatsächlich habe ich mich auf einer Delegiertenkonferenz ziemlich spontan entschlossen, für die Stadtverordnetenwahlen in Berlin zu kandidieren. Ich wollte die DDR von links reformieren und kämpfte für den sogenannten Dritten Weg und wurde auf Listenplatz 2 gewählt. Das war mein Einstieg in die Politik. Zuerst noch für die Hälfte der Stadt, dann für die ganze Stadt.

Ich glaube, dass man Politik in der Opposition am besten lernen kann. Zumal wir uns ja damals nicht nur mit den regierenden Parteien auseinandersetzen mussten, sondern auch intern unsere Ost-Westkonflikte ausfechten mussten. Es waren extreme, aber auch sehr gute Zeiten.

Als ich 1995 Fraktionsvorsitzende und Harald Wolf Fraktionsvorsitzender wurde, war diese Mehrfach-Quotierung (Frau-Mann, Ost-West, Sozialreform-Radikalopposition) auch ein Ausdruck dieser – wie ich finde – sehr fruchtbaren Auseinandersetzung. In chaotischen Zeiten für alte Ordnung sorgen zu wollen, ist der falsche Weg. Wir haben den schwereren gewählt und das war richtig.

In all den Jahren, in denen ich Politik mache, begleitet mich das Thema Stadtpolitik-Stadtentwicklung. Am Anfang gegen eine Große Koalition der Gigantomanie, die davon ausging, dass in Berlin bald sechs Millionen Menschen leben werden und die dementsprechend baute und plante. Ohne die Menschen einzubeziehen und mitzunehmen.  Im Ergebnis dessen stand ein riesiger Schuldenberg, der die Stadt heute noch fesselt.

Ich finde, es ist uns gelungen, ein ernstzunehmendes stadtpolitisches Profil zu entwickeln – parlamentarisch und außerparlamentarisch. Das haben wir in der Opposition, aber auch in Regierungsverantwortung bewiesen. Und ich habe es in meiner Zeit als Senatorin für Arbeit, Integration und Soziales niemals aus dem Blick verloren. Vor allem nicht, dass Stadtentwicklung ohne Einbeziehung der Menschen, die hier leben und arbeiten, zwar geht, aber nicht gut wird. Deshalb kämpfe ich dafür, dass für demokratische Teilhabe immer wieder Angebote unterbreitet werden. Und zwar ernst gemeinte, keine Schaufenster-Demokratie, von der es sowieso schon genug gibt. Es ist ein Fehler, zu glauben, dass sich immer alle Interessen unter einen Hut bringen lassen. Aber ein noch größerer Fehler ist, deshalb Stadt von oben verordnen zu wollen. Das mag zwar einfacher sein und schneller gehen, aber es spaltet und verzichtet ohne Not auf Kompetenz und Sachverstand der Bürgerinnen und Bürger.

Stationen

  • Mrz 1962

    geboren in Berlin, immer hier gelebt, zwei Kinder (Jahrgang 1985 und 1988)

  • Jan 1982

    Abitur und Abschluss als Facharbeiterin für Obstproduktion (Gärtnerin)

  • Jan 1982

    Studium der Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin

  • Mai 1982

    Mitglied der SED

  • Mai 1987

    Abschluss als Diplom-Soziologin

  • Jun 1987

    Arbeit als Wissenschaftliche Assistentin an der Hochschule für Ökonomie

  • Mai 1990

    Mitglied der PDS

  • Mai 1990

    zum Mitglied der Stadtverordnetenversammlung von Berlin gewählt

  • Mai 1991

    Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin

  • Mai 1995

    eine der gleichberechtigten Fraktionsvorsitzenden der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus

  • Mai 2001

    stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus

  • Mai 2004

    Mitglied der Enquete-Kommission des Abgeordnetenhauses »Eine Zukunft für Berlin«

  • Mai 2006

    Vorsitzender der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus

  • Mai 2007

    Mitglied der Partei DIE LINKE

  • Mai 2009

    Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales

  • Mai 2011

    erneut Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. Direkt gewählt im Wahlkreis 2 Berlin-Mitte

  • Mai 2011

    Mitglied des Hauptausschusses

  • Mai 2016

    Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE im Abgeordnetenhaus