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07.12.2009 Rede zur Verleihung des Integrationspreises 2009

Sport führt zusammen

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger, liebe Vertreterinnen und Vertreter des Integrationsbeirates und der Vereine, liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Senat und dem Abgeordnetehaus, liebe Gäste                                                  

ich begrüße Sie recht herzlich zur Verleihung des Integrationspreises des Landesbeirats für Integrations-und Migrationsfragen. Sport und Integration ist das Thema, für das der Preis in diesem Jahr ausgelobt wurde.  Also wollten wir vor allem Projekte und Sportvereine ansprechen,  die sich der interkulturellen Sportjugendarbeit widmen. Sport ist ein besonderer Integrationsfaktor und zwar für Kinder wie für Erwachsene.  Beim Bolzen auf der Straße oder auf Schulhöfen, beim Basketball im Hinterhof, beim Wettlaufen auf dem Gehweg oder beim Schlittschuh-Balzen auf der Eisbahn – Sport verbindet Jungs und Mädchen unterschiedlicher Herkunft.
Sie bilden Mannschaften und sind dann zwingend aufeinander angewiesen. Dort können sie Sprachschwierigkeiten überwinden und erfinden notfalls eine eigene Sprache mit eigenen Codes. Im Sport gibt es – wie vor allem im Musikbereich – eine Menge erwachsener Vorbilder, denen Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund nacheifern: Mezut Özil aus Bremen und Jerome Boateng, immerhin hier bei Hertha ausgebildet (jetzt beim HSV)  Poldi (Lukas Podolsky) und Miroslaw Klose, alles Fußballnationalspieler mit Migrationshintergrund. Oder Fatmire Bajramaj, Mittelfeldspielerin von Turbine Potsdam, Fußball-Weltmeisterin 2007 und als Kind mit ihrer Familie aus dem Kosovo geflohen.

Sie alle sind Vorbilder. Denn sie sind nicht nur hervorragende Sportlerinnen und Sportler. Sie zeigen auch: wir haben zwar einen Migrationshintergrund, aber wir sind kein Problem. Wir haben Erfolg, wir leben, wir arbeiten, wir gehören zu dieser Gesellschaft wie alle anderen auch. Und sie genießen das, wonach fast alle, aber gerade junge Menschen besonders streben: Respekt und Anerkennung.
Ich will Probleme in der Einwanderungsgesellschaft Bundesrepublik Deutschland, auch in der Einwanderungsstadt Berlin nicht leugnen oder weg reden. Aber ich betrachte Menschen mit Migrationshintergrund nicht zu allererst als potentielles Problem, sondern als Menschen mit eigenen Talenten, eigenem Wissen, Können und Erfahrungen, die diese Gesellschaft braucht wie der Fisch das Wasser. Interkulturelle Kompetenz gehört zu diesen Erfahrungen und zu diesem Wissen. Und der Sport gehört zu den Bereichen, wo man sich interkulturelle Kompetenz mehr als in vielen anderen Feldern erarbeiten kann. Und zwar Leute mit und ohne Migrationshintergrund. Im Sport ist man zumindest in den Mannschaftssportarten eben gezwungen, miteinander zu reden, zu kommunizieren, um spielen zu können. 
Sport hilft, Aggression abzubauen – ob als Zuschauerin im Stadion, aber noch viel mehr, indem man selber Sport macht. Die Projekte, die hier heute die Preise erhalten, machen genau das. Sie trainieren interkulturelle Kompetenz. Sie schaffen den Raum, sich körperlich so richtig auszutoben. Sie versuchen, die sozialen Schranken, die Herkunftsschranken, die es im Sport immer noch gibt, aufzuheben. Denn es gibt soziale Unterschiede. Wer sich die Heerscharen von Joggerinnen und Joggern an den Kanal-Ufern von Neukölln und Kreuzberg, sieht jede Menge „Bio-„ oder „Herkunfts-Deutsche“, aber wenige mit Migrationshintergrund – viel weniger, als dort wohnen. Auch im Fechtverein oder beim Tennis werden es nicht so viele Menschen mit Migrationshintergrund sein. Im Fußball oder Boxen ist das wieder anders – hier haben Angehörige unterschiedlicher sozialer Herkunft schon immer miteinander gespielt. Aber je mehr Sportler in Deutschland mit Migrationshintergrund auch in anderen Sportarten berühmt werden, je mehr Zulauf wird es auch von jungen Migrantenkids in ihre Sportarten geben. 
Die Sportvereine, die wir heute hier ehren, stärken Vorbilder, die einfacher erfahrbar und nachzuahmen sind als die großen Sportler aus dem Fernsehen oder dem Stadion. Sie setzen auf Trainer und Übungsleiterinnen mit Migrationshintergrund. Und sie fördern gezielt Mädchen und Frauen und versuchen auch hier, kulturelle Barrieren im Sport abzubauen. Sport kann auch ein Ort der Emanzipation von gesellschaftlichen Zwängen und – soziologisch ausgedrückt: patriarchaler Unterdrückungsverhältnisse sein. Doch nicht immer klappt das auch. Einige erinnern sich vielleicht an die Auseinandersetzungen um die iranische Fußballnationalmannschaft. Vor zwei Jahren sollte sie beim Kreuzberger Verein BSV Alderzimspor im Katzbachstadion spielen. Der BSV Alderzimspor  ist ein Verein, in dem Frauen aus unterschiedlichen Herkunftsländern zusammen spielen, sich wunderbar verständigen können, sportlich erfolgreich sind und viel Spaß an der Sache haben. Die iranische Frauenfußballnationalmannschaft ist ebenfalls überaus erfolgreich, besser als die der Männer. Und ihre Spiele werden von Iranerinnen mit Begeisterung verfolgt. Nach Berlin durfte sie kurzfristig nicht kommen. Begründung unbekannt. Angeblich gab es technische Probleme. Das war für den Kreuzberger Verein sehr bitter. Aber ein gutes hatte der Vorfall: in der Stadt wurde intensiv über die Verletzung von Menschenrechten von iranischen Frauen diskutiert, aber nicht im Zusammenhang mit dem Islam, sondern im Zusammenhang mit Sport und grundlegenden Frauenrechten. 

Sport ist immer auch eine internationale Angelegenheit. Kaum etwas elektrisiert die sportbegeisterten Menschen so wie Weltmeisterschaften oder Olympiaden. Manchmal auch die weniger Sportbegeisterten, die sich bei solchen Großereignissen auch vor dem Fernseher wieder finden. Aber: auch da gibt es eine Kehrseite:  gerade solche internationalen Sportereignisse mobilisieren natürlich auch Nationalismus und die böse Fratze des Rassismus. Deswegen war es schön zu erleben, wie das Europameisterschafts-Fußballspiel Deutschland – Türkei zu einem großen spontanen Straßenfest wurde, in Kreuzberg, Neukölln  und in ganz Berlin. Hier wurde die Integration von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft ganz praktisch und für alle Beteiligten ein schönes Erlebnis. Und auch hier werden wieder der Vorbildcharakter und die gesellschaftliche Verantwortung des Sports deutlich. Wenn sich die Sportvereine und bekannte Sportlerinnen und Sportler eindeutig gegen Rassismus, gegen rechtsextreme Hooligans, gegen Gewalt positionieren, üben sie großen Einfluss gerade auf junge Menschen aus, tragen bei zu einem gesellschaftlichen Klima von Respekt und Anerkennung statt Ausgrenzung und Verachtung. Und das beginnt schon im Kleinen, im Sportverein im Kiez wie die heute hier ausgezeichneten Vereine. Dafür bedanke ich mich bei Ihnen allen und freue mich, sie für Ihr Engagement ehren zu können. Wir werden Ihnen im Verlaufe des Abends diese Vereine alle vorstellen können. Doch zunächst  danke ich für Ihre Aufmerksamkeit und übergebe das Wort an den frisch ernannten stellvertretenden Vorsitzenden des Integrationsbeirats, Herrn Hakan Taş