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07.05.2011 Rede zur Jugendfeier des HVD im Friedrichstadtpalast

Jugendfeier: Eine schöne Tradition

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand- schrieb Berthold Brecht in seiner Kinderhymne.


Liebe junge Damen,
Liebe junge Herren,
Liebe Eltern und Großeltern,


Ich bin gebeten worden zu diesem feierlichen Tag- eurer Jugendfeier- eine Rede zu halten. Dieser Bitte komme ich sehr gerne nach, da ich es für eine gute Tradition halte, den symbolischen Schritt vom Kind zum Erwachsenen feierlich zu begehen.

Diese Feier heute symbolisiert für euch nun diesen wichtigen Moment des Erwachsen- Werdens und mit diesem Tag beginnt eine neue Lebensphase.

Nun kann man berechtigt die Frage stellen, wann genau man eigentlich Erwachsen ist. Ist es so, dass nach diesem Tag und der Feier ein anderes Leben beginnt? Werdet ihr auch in Zukunft noch gefragt: „Wann bist denn du wieder zuhause?“. „Hast du deine Schularbeiten gemacht?“. Werden Kommentare wie: „So gehst du mir aber nicht auf die Straße!“ oder „Dafür gibst du dein Geld nicht aus!“ nun der Vergangenheit angehören?

Leider muss ich euch enttäuschen. Bis ihr diese Akzeptanz findet, die ihr euch von euren Eltern, Großeltern, Tanten, Onkeln, Lehrern und anderen Erwachsenen wünscht, wird noch Zeit vergehen. Ihr werdet euch streiten und schreien und vielleicht fließen auf beiden Seiten sogar manchmal Tränen. Ihr werdet euch noch oft ungerecht behandelt fühlen und denken, dass ihr alleine viel besser zu Recht kämt.

Aber- auch als Mutter zweier inzwischen erwachsener Kinder- bitte ich euch: Habt auch Verständnis für eure Eltern. Es ist aus ihrer Perspektive nicht immer einfach zu akzeptieren, dass ihr nun Entscheidungen selber treffen könnt. Das ihr manchmal sogar klüger seid als sie, dass ihr Dinge tatsächlich besser wissen könnt. Denn grade seid ihr doch noch so klein gewesen. Seid nachts wegen Alpträumen ins Zimmer gekommen oder weil ihr Durst hattet. Ihr habt euch die Knie beim Radfahren aufgeschlagen und wolltet Trost.
Das Erwachsen-Werden der Kinder ist ein Prozess, bei dem auch Eltern noch einmal Erwachsen werden müssen. Dabei kommt es bei dem Einen zu kleinen Streitereien und bei der Anderen zu mittelschweren Katastrophen.
Viele Dinge werden euch, wenn ihr dann endgültig erwachsen seid, nicht mehr ganz so schlimm vorkommen, wie sie in dem Moment erschienen. Und es wird sogar Momente geben, da werdet ihr euch danach sehnen, wieder ein Kind zu sein. Momente in denen ihr wünscht, dass euch eure Eltern all die Probleme lösen, die ihr mit euch rumtragt. Das ihr einfach nur zu weinen braucht und liebe Menschen euch Trost spenden.

Aber dies hier soll keine Rede sein, in der nur von den Schwierigkeiten die Rede ist. Erwachsen sein macht nämlich auch viel Spaß. Nicht umsonst wünscht man es sich die ganze Kindheit und Jugend hindurch und kann den Tag, an dem „ES“ endlich soweit ist, kaum abwarten.

Dabei geht es nicht nur darum, dass das kaufen könnt, wenn ihr wollt und es euch keiner verbietet. Oder das ihr bis morgens Fernsehen könnt, ohne dass jemand kritisch fragt, was denn morgen mit der Arbeit sei. Oder das ihr das Abendessen durch eine Tüte Chips ersetzt. All das gehört auch dazu- aber nicht nur.

Nach und nach werdet ihr ernster genommen werden. Ihr werdet mehr Rechte bekommen und immer öfter werden Menschen „Sie“ zu euch sagen. Ihr werdet Verantwortung tragen. Für Euch, für Menschen die mit euch arbeiten, lernen, studieren. Für die Menschen, die ihr liebt. Und ihr werdet merken, dass es Menschen außerhalb eures Elternhauses gibt, die sich um euch sorgen, die sich kümmern, denen ihr wichtig seid. Es wird auch dann nicht immer schmerzfrei sein. Ihr werdet merken, dass die Gefühle, die ihr während des Erwachsen-Werdens erlebt, euch immer wieder begegnen. Aber ihr werdet auch merken, dass ihr gelernt habt, mit ihnen umzugehen.


Für den heutigen Tag wünsche ich euch eine wunderschöne Feier. Es ist euer Tag, aber ein klein wenig ist es auch der Tag eurer Eltern und Großeltern. Ohne sie wärt ihr heute nicht hier. Vielleicht flüstert ihr ihnen später noch einmal ein „Danke“ zu- ich bin mir sicher, dass sie es zu schätzen wissen.

Ich wünsche euch auch, dass ihr einen Beruf findet, der zu euch passt. In dem ihr so viel Geld verdienen könnt, wir ihr es zum Leben braucht. Heute ist das leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn Ihr wollt, dass sich Arbeitgeber um euch reißen, dann gebe ich den Mädchen den Tipp: schaut euch einmal in den Naturwissenschaftlichen Berufen um. Junge, gut ausgebildete Frauen werden dort händeringend gesucht. Und den jungen Männern unter euch empfehle ich, dass ihr soziale Berufe wie Pädagoge, Erzieher, Pfleger oder Sozialarbeiter nicht ausschließt. Dort fehlt es an engagierten Männern. Natürlich sollen sich auch die Jungen unter euch, die sich für Mathematik interessieren und die Mädchen, die gerne Lehrerin werden würden, nicht unbedingt um entscheiden. Aber einen Blick hinaus in vermeintlich untypische Berufe, den wagt ruhig einmal.

Noch mehr als das wünsche ich euch aber, dass ihr jemanden findet, den ihr lieb haben könnt und der auch euch lieb hat. Ich wünsche euch Gesundheit und Glück, gute Freunde und wenig Schicksalsschläge. Ich wünsche euch, dass ihr euch in wichtigen Momenten daran erinnert, dass ihr einen eignen Kopf habt. Und das dieser nicht nur für Hüte und Mützen bestimmt ist. Ich wünsche euch die Stärke, in schwierigen Momenten die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich wünsche euch die Kraft, manchmal alle weisen Worte und alle guten Ratschläge in den Wind zu schießen um zu tun, was ihr wirklich wollt.

Und ich wünsche mir, dass wenn bei euch alles richtig läuft, ihr auch einmal nach rechts und links schaut. Interessiert für Menschen neben euch und wie es ihnen geht.

Nehmt euer Leben in die eignen Hände. Traut euch Neues zu. Euer Leben habt ihr nur einmal. Ich wünsche euch, dass ihr am Ende sagen könnt, dass ihr alles versucht habt, damit es ein schönes Leben wird