Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, lieber Frank Bsirske, Doro Zinke, Susanne Stumpenhusen und Petra Gerstenkorn
Berlin ist eine Metropole – und das in mehrfacher Hinsicht. Berlin ist – im deutschen Maßstab - Kulturmetropole, Dienstleistungsmetropole und leider auch Prekaritäts-Metropole. Und das hängt eng miteinander zusammen.
Knapp eine Millionen Berlinerinnen und Berliner sind im Dienstleistungssektor sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Dazu kommen noch mal rund 176.ooo Minijobberinnen und –jobber. Das sind 86 Prozent aller Berliner Beschäftigten. Sie erwirtschaften rund 80 Prozent des Berliner Brutto-Inlandsprodukts. Damit ist der Dienstleistungsbereich der wichtigste Beschäftigungssektor und er wird immer wichtiger.
Dennoch fristet die Dienstleistungspolitik in der öffentlichen Wahrnehmung – noch – ein Schattendasein, vergleicht man sie z.B. mit der Industriepolitik – auch in Berlin.
Das wird jetzt anders. Deshalb sind wir heute hier, und ich begrüße Sie ganz herzlich zu unserer gemeinsamen Tagung von verdi und Senat.
„Dienstleistungen – Wertschätzung und –schöpfung in der Metropolregion Berlin“ ist der Titel der Konferenz und des Projekts, über das wir hier heute reden und er reißt auch schon zwei entscheidende Problemkreise an.
Der Dienstleistungsbereich ist heute elementarer Bestandteil der Wertschöpfungsketten – deshalb brauchen wir eine gezielte Dienstleistungspolitik, die die Interessen der Beschäftigten genauso in den Blick nimmt wie die Interessen der Kundinnen und Kunden, der Nutzerinnen und Nutzer von Dienstleistungen.
Und wir brauchen eine neue Kultur der Wertschätzung von Dienstleistungen – als Dienst für und mit Menschen am Menschen. Die Industriearbeiterschaft hat ein hohes gesellschaftliches Ansehen, sie schaffen ja was, das man ansehen kann, in die Hand nehmen kann. Schon aus ihrer Tradition als Arbeiterbewegung heraus haben und pflegen sie einen gewissen Stolz – und das ist gut so.
Im Dienstleistungsbereich ist das viel differenzierter und gesellschaftliche Anerkennung kommt nur einem Teil der Dienstleistenden zu. Ärztinnen und Ärzte gehören dazu. Auch das Pflegepersonal, obwohl sich das in der Vergütung nicht ausdrückt.
Beamte hingegen gelten vielfach als faul und wann erfahren eigentlich Putzfrauen und –männer gesellschaftliche Anerkennung oder die Beschäftigten der Müllabfuhr?
Der Dienstleistungssektor ist das Rückgrat für das gesellschaftliche Zusammenleben – ohne Strom, Wasser, Schulen, Kitas, Gesundheitseinrichtungen, Kultur, Handel, Post, Telekommunikation, Kneipen und Hotels wäre diese Stadt – wie jede andere auch – nicht denkbar.
Auch das müssen wir ins gesellschaftliche Bewusstsein rücken.
Dienstleistungen unterliegen wie der Industriebereich einem rasanten gesellschaftlichen und technologischen Wandel, der in etlichen Bereichen die Berufsbilder genauso verändert wie das Verhältnis von Dienstleistenden und Kunden und Kundinnen. Und das im wesentlichen vorangetrieben durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik in immer mehr Bereichen. Das führt dazu, dass der Anteil hochqualifizierter Tätigkeiten im Dienstleistungssektor ansteigt, die der wenig qualifizierten aber weiter sinkt.
Das ist nicht immer gut – für die Beschäftigten und für die Kundinnen und Kunden nicht. Ein Beispiel: Immer mehr Fluggesellschaften haben die Abfertigung der Fluggäste auf Automaten verlagert.
Das spart Personal, aber stellt jene Passagiere, die keine Ahnung von Computern haben, vor kaum zu bewältigende Hürden. Sie überlegen sich dann, kein zweites Mal mit dieser Linie zu fliegen oder ganz auf ein anderes Verkehrsmittel umzusteigen.
Im Bereich der Banken ist der Selbstbedienungsanteil schon fast selbstverständlich. Da haben es mittlerweile die meisten Kundinnen und Kunden gelernt, ihr Geld am Automaten zu holen und Überweisungen per Terminal einzugeben. Und kaum jemand regt sich noch darüber auf, wie viele Arbeitsplätze durch diese Automatisierung von menschlicher Arbeit weg gefallen sind.
Aber bei schwierigeren Geldgeschäften bedarf es weiter der persönlichen Beratung und damit qualifizierter Beschäftigter, die stolz sind auf ihre Arbeit und die von ihrer Arbeit leben können.
Das ist leider nicht bei allen Dienstleistungsbeschäftigten der Fall, und hier trifft es vor allem Frauen. 65,4 Prozent der Beschäftigten arbeiten Vollzeit – das sind rund fünf Prozent mehr als auf Bundesebene, knapp 20 Prozent arbeiten Teilzeit und knapp 15 Prozent auf Minijobbasis.
73 Prozent der Teilzeitbeschäftigten sind Frauen – damit steht Berlin noch gut da, denn auf Bundesebene sind es über 86 Prozent.
Möglicherweise lässt sich daraus ablesen, dass Berlin bei der Neudefinition von Frauen- und Männerrollen in Familien und Beziehungen relativ weit ist und sich viele Frauen nicht mehr auf die Zuverdienerinnenrolle festschreiben lassen wollen.
Aber das ändert nichts am Problem, dass viele der Teilzeitbeschäftigten von ihrer Arbeit alleine nicht leben können. Dass sie keine Vollzeitstelle erhalten können, ist der von Teilzeitbeschäftigten am häufigsten genannte Grund. Aber für viele ist die Teilzeitbeschäftigung eben auch der Weg, Familien- und Erwerbsarbeit zu vereinbaren.
Zu guter Dienstleistungspolitik gehört also auch Arbeitszeitpolitik – Beschäftigte wollen Flexibilität und Existenzsicherung – Kundinnen und Kunden wollen verlässliche Erreichbarkeiten und Öffnungszeiten. Und Teilzeitbeschäftigte brauchen Perspektiven für die eigene berufliche Entwicklung und Karriereplanung.
Zur Arbeitszeitpolitik gehört deshalb auch, Abschied zu nehmen vom Leitbild der Teilzeitarbeit als bloße Zuverdiensttätigkeit im niedrig und mittel qualifizierten Bereich und hinzukommen zu einem Bild, das Teilzeitarbeit als Möglichkeit für die Beschäftigten betrachtet und ihnen gleichzeitig Wege öffnet, auch bei Bedarf und wenn es ihre persönliche Situation erlaubt, wieder Vollzeit zu arbeiten.
Dies alles und noch viel mehr werden wir hier heute diskutieren. Dabei wünsche ich Ihnen und uns viele neue Anregungen und gemeinsam viel Erfolg!