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Sozialistischer Kinderspaß
Fraktionarbeit Anfang der 90er (v.l.n.r: Norbert Pewesdorf, Dagmar Pohle, Karin Dörre, Carola Bluhm)
v.l.n.r.: Gesine Lötzsch,Martina Michels, Peter-Rudolf Zotl, Wolfram Adolphi
Ungefähr 1995
Bezirksvorstand Mitte 1996 (v.l.n.r.: Dietmar Bartsch, Carola Bluhm, Thomas Flierl)
Wohnort

II. Auf dem Weg in die Politik

Vor der Politik hast du nach dem Studium erst mal ganz normal gearbeitet…

Ja, ich habe von 1987 bis 1991 im Institut für sozialistische Wirtschaftsforschung der Leichtindustrie an der Hochschule für Ökonomie gearbeitet. Da ging es damals weniger um Wirtschaftsforschung im klassischen Sinne, als vielmehr um eher „weiche“ Themen wie Arbeitszufriedenheit – vermutlich auch, um von den nicht mehr wegzudiskutierenden Strukturproblemen in der DDR-Wirtschaft abzulenken. Klar war es dann problematisch, wenn die frisch gebackene Assistentin den Professoren – meist Männern – mitteilte, so wie sie arbeiteten, ginge das nicht, so könnte man keine Daten erheben etc. Aber: sie haben mich – über Nacht – beauftragt, einen besseren Vorschlag zu machen und dann ging das. Auch das war eine wichtige Erfahrung.

1988 habe ich dann meinen Sohn Max bekommen und wollte das Babyjahr auch dazu nutzen, für die sogenannte Sprachkundigenprüfung zu lernen. Die war Voraussetzung für eine Dissertation. Ich hatte mich für Russisch und Französisch entschieden. Da meine Fremdsprachentalente eher unterentwickelt sind, war das eine echte Herausforderung. Aber ich brauchte die Prüfung dann gar nicht mehr.

Warum nicht?

Weil dann der politische Umbruch einsetzte – die Wende.

Wie hast du die Wende erlebt?

Ich habe sie mit zwei kleinen Kindern miterlebt. Klar, dass ich da nicht überall dabei sein konnte. Manches konnte ich nur im Fernsehen verfolgen. Aber bei der großen Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz mit Stefan Heym und Käthe Reichel war ich dabei. Das war für mich tief beeindruckend. Nicht nur die Reden, sondern die Klarheit und die Selbstverständlichkeit, mit der so viele Menschen dort waren und ihre Meinung artikulierten. Ich kann mich auch an eine Überschrift im Neuen Deutschland erinnern: „Hans Modrow: Deutschland – einig Vaterland!“ Das hat bei mir sehr großen Debattenbedarf hervorgerufen. Es war eine Zeit, in der ich wie viele andere zum Teil sprachlos war, und in der wir gleichzeitig ununterbrochen redeten. Ich habe zum Beispiel oft im Unabhängigen Frauenverband über den dritten Weg zwischen real exististierendem Sozialismus und Kapitalismus diskutiert, mal mit den Kindern, mal ohne.

Und im Beruf?

Auch da, na klar. Ich war zum Beispiel Anfang 1990 auf einem Soziologenkongress. Da war ich schon erstaunt und beeindruckt, wie Soziologinnen und Soziologen, die vor kurzem noch über die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaftsentwicklung geforscht haben, ihre Themen umgeswitcht haben und nun profund über die strukturelle Arbeitslosigkeit im Kapitalismus diskutierten. Eine Thema, was ja bekanntlich auch heute noch und auf unabsehbare Zeit brandaktuell ist.

Was ist aus deiner wissenschaftlichen Karriere geworden?

Ich wurde 1990 mit einem einfachen Anschreiben der Hochschule in die sogenannte Warteschleife geschickt. Das hieß, ein halbes Jahr später war ich meine Stelle los. Die Arbeitslosigkeit, über die ich auf dem Kongress noch mehr theoretisch diskutiert habe, sollte kurze Zeit später meine Realität werden.

Bist du deshalb in die Politik gegangen?

Nein. In die Politik bin ich mehr zufällig geraten. Aber ich hatte mich schon bald entschieden, der großen Flucht aus der SED nicht zu folgen – schon aus Trotz. Den großen SED-Parteitag in der Werner-Seelenbinder-Halle, auf dem auch die Umbenennung zu SED-PDS – Partei des demokratischen Sozialismus - erfolgte und auf dem Michael Schumann den Bruch mit dem Stalinismus als System erklärte, konnte ich aber wegen meiner Kinder nur im Fernsehen verfolgen. Richtig los ging es, als mich ein älterer Genosse aus meinem Bezirk Mitte bat, ihn bei einer Delegiertenkonferenz zu vertreten. Er war krank. Also ging ich da hin. Es ging um die Aufstellung der Kandidatinnen und Kandidaten der PDS aus dem Bezirk Mitte für die ersten freien Stadtverordnetenwahlen in Ost-Berlin. Ich fasste den spontanen Beschluss, auch zu kandidieren, hielt eine Rede als junge Frau, die den Aufbruch nutzen wollte, um die DDR von links zu verändern, ich wollte Emanzipation und Demokratie und focht für den dritten Weg. Damit habe ich damals wohl auch den Nerv der Versammlung getroffen. Jedenfalls wählte sie mich auf Platz 2 hinter Hans Luft.

Und plötzlich warst du Politikerin?

Erst mal war das alles neu. Wir mussten einen Wahlkampf organisieren, ohne dass ich groß drüber nachdenken konnte, ob ich diese Form der Auseinandersetzung überhaupt will. Wir mussten alles selber machen. Und dann waren wir die Fraktion der PDS. Peter Zotl, Gesine Lötzsch, Martina Michels waren da schon dabei. Aber das ging ja nur bis Ende 1990. Dann waren die ersten Gesamtberliner Abgeordnetenhauswahlen.

Und du hast wieder kandidiert?

Ja, und das war eine völlig neue Erfahrung. Das Berliner Abgeordnetenhaus ist das einzige Ost-West-Parlament und ich war Mitglied einer Ost-West-Fraktion. Dort trafen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft, politischer Tradition, Erfahrung, auch mit völlig unterschiedlichen Politikverständnissen und Herangehensweisen. Das gab sehr intensive Debatten.

Ein wesentliches Thema war immer wieder die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, mit dem MfS und der SED?

Ja, das hat die ersten Jahre – sehr zu recht – bestimmt. Wir haben ja sehr früh in Berlin einen Parteitagsbeschluss gefasst, dass die eigenen Biografien offen gelegt werden sollen. Aber zu Beginn der ersten Wahlperiode fehlte das notwendige Verfahren. Deshalb haben einige unserer Abgeordneten erst im Nachhinein Auskunft über ihre Biografien gegeben und wir haben in jedem Einzelfall entschieden, ob sie ihr Mandat behalten können. Auch das war oft eine schwierige – auch emotional schwierige Situation. In unserer Partei begegneten sich ja dann oft auch ehemalige MfS-Mitarbeiter und Opfer des MfS. Das war immer wieder eine neue Auseinandersetzung. Und wir hatten immer wieder Situationen, die die Partei vor Zerreißproben stellte. Zwei Berliner Landesvorsitzende mussten zurücktreten. Eine Berliner Bundestagsabgeordnete ihr Mandat zurückgeben. Auch auf Bundesebene gab es die Debatten und die Beschlussfassung, dass die Biografie vor der Kandidatur für ein Amt oder Mandat offen gelegt werden muss.

Ihr habt euch in der PDS-Fraktion nicht nur mit der SED- und MfS-Vergangenheit auseinandergesetzt….

Nein, aber in der öffentlichen Wahrnehmung wurden wir weitgehend darauf reduziert. Bei Sachthemen waren wir nicht gefragt. Wir wurden nicht auf Podiumsdiskussionen etc. eingeladen. In dem Bereich funktionierte die gesellschaftliche Ausgrenzung der PDS und ihrer Osterfahrungen zu der Zeit noch sehr gut. Aber wir nutzten die Zeit, um ganz intensiv in Sachthemen einzusteigen, uns Expertinnenwissen und stadtpolitische Kompetenz anzueignen.

Auch das war Gegenstand strategischer Auseinandersetzungen….

Die Aneignung stadtpolitischer Kompetenz an sich nicht, aber der Umgang damit. Es gab eine heftige Auseinandersetzung um unsere Rolle, unseren Gebrauchswert und politische Funktion als Opposition in der Stadt. Damals standen z.B. Harald Wolf und ich uns noch eher gegenüber. Ich als Vertreterin der gestaltenden eher sozialreformerischen Opposition – Harald als Protagonist eines auch in der Formulierung radikalen Oppositionskurses, der gleichwohl neue Optionen links von der CDU erschließen wollte. Damals ging es vor allem um die Kampagne gegen die Olympia-Bewerbung Berlins, aber eben auch um stadtpolitische Konzepte.

War das eine Ost-West-Auseinandersetzung?

Sicher auch ein stückweit. Wir als Ostdeutsche haben auch um Anerkennung gekämpft – unserer Lebensleistung, unserer Kompetenz, unserer Ideen für eine gerechtere Gesellschaft. Gleichzeitig wollten wir nicht nur für eine Hälfte der Stadt stehen, sondern hatten den Anspruch, die gesamte Stadt verändern zu wollen. Und wir brachten in diese Debatte etwas sehr spezifisches ein: die Erfahrung von grundlegender gesellschaftlicher Transformation. Damit hatten und haben wir einen ganz anderen Erfahrungshintergrund auch in programmatischen Debatten zur Transformation als Linke aus dem Westen. Für die Westdeutschen in der Fraktion war die Erfahrung, gehört zu werden mit ihren scharfen Formulieren, viel selbstverständlicher. Sie suchten diese Anerkennung nicht in der Form, sondern die scharfe Auseinandersetzung. Aber wir haben uns zusammen diskutiert und haben dann auch die ersten stadtpolitischen Papiere veröffentlicht – z.B. das „weiße Papier“. Und wir brachten als Ostdeutsche in diese Debatte etwas sehr Spezifisches ein: die Erfahrung von grundlegender gesellschaftlicher Transformation. Damit hatten und haben wir einen ganz anderen Erfahrungshintergrund auch in programmatischen Debatten zur Transformation als Linke aus dem Westen.