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Früh übt sich
Schülerin
Jugendfeier
Obsternte in Werder

I. Erste Politisierung
Die Zeit in der Schule und in der Universität

Du giltst als engagierter kritischer Geist. Wo hast du das kritische Engagement gelernt oder eingeübt?

Ich komme aus einem offenen, akademischen Elternhaus, wo die kritische Debatte täglich stattfand. Ich bin damit groß geworden, dass die tatsächliche Entwicklungsfähigkeit und notwendige Entwicklungsrichtung der DDR in den 80er Jahren ein Dauerthema war, immer wieder neu diskutiert und in Frage gestellt wurde. Das hat mich natürlich geöffnet für Widersprüche und mich ermutigt, diese auch zu benennen und zu problematisieren und viele Dinge auch politisch eigenständig zu entscheiden.

Wie war dein Werdegang vor dem Leben in der Politik?

Nach der polytechnischen Oberschule, auf der ich zehn Jahre in einer Klasse mit denselben Schülerinnen und Schülern gemeinsam gelernt habe, habe ich mit 16 Jahren das erste Mal Berlin verlassen und bin nach Werder an der Havel gegangen, um dort eine Ausbildung als Obstgärtnerin verbunden mit dem Abitur zu machen. Das hat mich  schon geprägt. Ich habe gelernt, hart körperlich zu arbeiten, bei Wind und Wetter, musste oft schon morgens um 4 Uhr aufstehen, wenn die Ernte eingebracht werden musste. Und ich habe die völligen Widersprüchlichkeiten und Mängel in der DDR sinnlich erfahren. Wenn wir z.B. Äpfel ernten mussten, hieß das Arbeit über Wochen, auch am Wochenende vom frühen Morgen an. Wir waren auch hoch motiviert. Die Äpfel mussten wir - weil sie von hoher Qualität sein sollten - mit großer Vorsicht pflücken und verpacken, damit es keine Druckstellen gab. Dann bekamen wir aber mit, wie diese sauer erarbeiteten Äpfel in den Kisten vermoderten, weil es keine Transportkapazitäten gab, die Äpfel aus dem Betrieb abzuholen und weiter zu verteilen. Das war auch für uns persönlich eine bittere Erfahrung, weil die Arbeit dadurch sinnlos wurde.
Dennoch bin ich in dieser Zeit Kandidatin der SED geworden und – allerdings nach verlängerter Kandidatinnenzeit – auch aufgenommen worden.

Du bist nach der Schule nicht bei der Gärtnerei geblieben…

Nein, ich habe 1982 an der Humboldt-Universität mein Soziologie-Studium begonnen. Voraussetzung dafür war berufliche Erfahrung, die ich mit meiner Obstgärtnerinnenausbildung ja hatte. Meine Mutter wollte auf jeden Fall verhindern, dass ich ein sozialwissenschaftliches Studium begann. Es war marxistisch-leninistische Soziologie, die ich studierte. Sie hätte mich lieber in einem Studium der Landschaftsgärtnerei oder ähnliches gesehen. Aber das habe ich ganz alleine entschieden. Und das Studium war marxistisch fundiert methodologisch gut. Ich habe sehr viel gelernt.

Auch über die Widersprüche in der DDR?

Gerade über die. Ich habe mich damals viel mit Stadtsoziologie beschäftigt. Das war für mich eine nachhaltige Konfrontation mit der Realität. Ich habe ein ziemlich eindrucksvolles Bild von der Wohnungsmangelsituation in den Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg bekommen. Es gab massive Sanierungsprobleme. Ältere Menschen, deren Kinder aus dem Haus waren, wollten ihre Wohnungen nicht verlassen, weil sie in ihrem sozialen Umfeld bleiben wollten. Junge Familien fanden keine Wohnungen, die ausreichend groß waren – das waren massive Probleme.  Aber es gab in diesem Bereich immer Leute, die sich auch um die individuellen Probleme der einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner gekümmert haben. Und ich habe in dieser Zeit auch erfahren, was geht in der DDR. Als ich mein erstes Kind bekommen habe, Marie, konnte ich viel Zeit mit meinem Kind verbringen und trotzdem intensiv studieren. Diese Vereinbarkeit war – sicher auch dank Unterstützung meiner Familie – gut möglich.
1987 habe ich mein Studium abgeschlossen mit einer Diplom-Arbeit zur Einführung von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien am Mode-Institut der DDR. Darin habe ich mich auch mit den Grenzen und Möglichkeiten von Menschen im Modesektor befasst, die kreativ sein wollten und die viele Begrenzungen in ihrer Arbeit erlebt haben. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Teile dieser Diplom-Arbeit anschließend nicht frei zugänglich waren.
Es gab in der Soziologie in Berlin immer die kritische Auseinandersetzung mit den sozialen und gesellschaftlichen Prozessen in der DDR, aber nie mit dem politischen System als Ganzem. Das war für die soziologische oder empirische Sozialforschung tabu. 

Hat sich das mit Glasnost und Perestrojka – der Politik der gesellschaftlichen Öffnung in der Sowjetunion – auch in der DDR geändert?

 Nein. Für die Soziologie kann ich sagen: je näher das Ende der DDR rückte, desto schwieriger wurde es, empirische Sozialforschung zu platzieren. Man wollte keine Schlaumeier, die Mängel, Ressourcenverschwendung oder mangelnde Motivation auch noch über objektive Daten gestützt wissenschaftlich darstellen. Aber natürlich hat mich das auch weiter politisiert. Und wir haben intensiv über Grenzen und Möglichkeiten der empirischen Sozialforschung und ihre Auswirkungen auf die Möglichkeiten eines Sozialismusversuchs diskutiert.